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Guten Abend, heute ist der 18. 03. 2019
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Predigt am Ewigkeitssonntag 2017 von Pfarrer Andreas Volke

Dass die Liebe bleibt

Bernd Kasper  / pixelio.de

Bernd Kasper / pixelio.de

Dass die Liebe bleibt
Predigt am Ewigkeitssonntag 2017
von Pfarrer Andreas Volke
Essen Rellinghausen


Liebe Gemeinde,
vielen von uns wird der Weg zum Gottesdienst an diesem Tag schwer gefallen sein. Alle, für die nun die Kerzen leuchten, waren vor einem Jahr noch unter uns. Nicht bei jedem von ihnen ist es absehbar gewesen, dass es das letzte Lebensjahr sein würde, auf das Sie miteinander zugegangen sind. Nun sind wir es, die ihre Namen hören. Noch einmal schließen wir sie in unser Herz. Und es verbindet uns ein Sehnen danach, etwas über das hinausschauen zu können, was unsere Augen sehen, wenn wir heute den Blick auf die Ewigkeit richten.


Wir fragen die Bibel. Was sie uns gibt, sind zuerst einmal Bilder. Es sind menschliche Bilder. Jeder dieser Bilder aber ist mit einem Zuspruch verbunden, den wir uns selbst nicht zusagen und selbst uns auch nie zusprechen könnten. Da hören wir etwa von der ewigen Stadt, jenem Ort, wo Gott wie am Anfang bei den Menschen wohnen wird. Wir hören davon dass dort alle Tränen von den Augen getrocknet sein werden. Keine Angst wird mehr sein, kein Klagen und kein Geschrei – dort. Denn der Tod hat seinen Platz in jener anderen Welt verloren. Ein wunderbares, tröstliches Bild für die Ewigkeit!
Wir selbst aber sind mit unseren Tränen gekommen. Und jeder hat seinen Schmerz mit hergebracht. Klage, Seufzen und Schreien hat es in den letzten Monaten bei uns gegeben. Und der Tod hat sich in seiner ganzen Macht gezeigt. Das ist die Wirklichkeit unserer Welt. Das Verheißene gilt den Verstorbenen. Für uns, die wir leben, muss hingegen eine neue Verbindung zum Leben entstehen.


Es sind zwei Dinge, von denen ich heute sprechen will:

  • Zum einen ist es der Abschied, dass wirklich ein Abschied geschieht.
  • Und das andere ist die Liebe, dass gerade jetzt die Liebe bei uns bleibt


Zuerst die Frage nach dem Abschied: Ohnmacht zu spüren ist das Schwerste, was uns Menschen auferlegt ist. Darum ist der Weg auf den Friedhof so einzigartig schwer. Mit jedem Schritt spürt man, wie endgültig alles dort ist. Im Grunde aber ist unser ganzes Leben von Ohnmacht umgeben. Schon wenn ein Mensch sein Leben erhält, hat er selbst keine Macht darüber, wo hinein er geboren wird. Wächst ein Mensch auf, kommt es immer wieder zu einem Wechsel zwischen Ermutigung und Begrenzung in seinen Freiheiten. Auch da erfahren wir Ohnmacht, wie auch in unseren Beziehungen. Brüche und Abgründe, wo sie uns treffen, sind Begegnungen mit dem Tod, mitten im Leben. Und oftmals sind es die Grenzen, die uns formen. Was uns enttäuscht hat, vermag uns an anderer Stelle voranzubringen. Wir wissen, wie wir damit umzugehen haben. Und unsere Antwort liegt darin, dass wir dort, wo es nicht weiter geht, die Richtung ändern.
Tritt der Tod uns offen entgegen, stoßen wir erst Recht an unsere Grenze. Wie bei den Situationen, die wir kennen und mit denen wir Erfahrungen gewonnen haben, kann auch jetzt die Antwort nur darin liegen, dass wir die Richtung ändern. Denn Ohnmacht bedeutet nicht, dass wir nichts tun können. Unsere Aufgabe liegt darin, die Richtung zu finden.

Das Gefühl mag sich heute dagegen sträuben und der Verstand mag sagen, „soweit bin ich noch nicht“. Wir müssen auch heute nicht soweit sein. Denn alles, was war, hat viel von unseren Kräften verbraucht. Und jeder von uns weiß, wie langsam Trauer geht, und wie sie uns langsam macht, während die anderen scheinbar unberührt vorbeiziehen.

Aber: Wir können nicht im Abschied stehen bleiben. Menschen, die das tun, begeben sich in die Gefahr, es sich selbst zu verweigern, später wieder glücklich und froh zu werden. Die Annahme, die anfangs so nahe liegt, nur dann dem Verstorbenen nahe zu sein, wenn es uns immer neu mit dem gleichen Schmerz des Anfangs erfüllt, wird uns auch später immer wieder an diesen Anfangsschmerz führen, wie man ihn im Moment der Trennung empfunden hat. Was bleibt ist die Angst, den verstorbenen Menschen nicht mehr lieb zu haben oder ihm nicht gerecht zu werden, wenn man sich wieder dem Leben zuwenden möchte.


Dürfen wir trotz der Trauer in uns Schritte wagen, die sich vom Anfang und seinem Schmerz entfernen? Schritte, wo wir uns auf etwas Neues zu bewegen? Wer es versucht, wird die Erfahrung machen, dass wir die Verstorbenen keineswegs verlieren, sondern sie nur umso mehr bei uns behalten. Und unsere Liebe wird nicht geringer werden. Es werden Räume entstehen, wo wir der Erinnerung ihren Platz geben können. Sie kann sich sogar noch weiter ausbreiten, weil wir ihr einen Ort geschaffen haben, wo sie wohnen darf. Der Schmerz des Anfangs aber kann da nicht hinblicken. Und darum verweigert er uns, auch wieder Tage zu erleben, an denen das Leben gut zu uns ist. Er lässt nicht, dass wir am Abend eines Tages sagen dürfen, heute wieder einmal –wenigstens für einen Moment- froh gewesen zu sein.


Eine Wunde kann nur heilen, wenn wir sie verbinden und wenn wir sie versorgen, nicht aber, wenn wir zulassen, dass sie neu aufreißen kann. Auch das kann wie ein heilender Verband für unsere Seele sein, wenn wir uns fragen, ob der Mensch, um den wir trauern, gewollt hätte, dass wir für immer traurig bleiben. Würde er nicht vielmehr sagen: „Ich musste gehen aber ich weiß, dass Du es schaffen wirst auch wieder eine Verbindung zum Leben zu finden“? Dazu gehört, dass wirklich ein Abschied geschieht. Dann kann solch ein Richtungswechsel möglich werden.


Es ist die Stärke der Bibel, uns mit einer tiefen Aufrichtigkeit zu begegnen. Sie nennt den Tod beim Namen. Er ist der Feind des Lebens. Ein Feind, der solange die Erde steht, der Wirklichkeit Gottes entgegengesetzt sein wird, denn er ist die schattenhafte Seite des Lebens. Er gehört zum Diesseits und damit zu uns. Dann aber spricht die Bibel davon, dass die Verstorbenen nicht verloren gehen, sondern dass diese Schattenseite ebenso wie das Leben selbst zu Gott gehört. Finsternis ist nicht finster bei ihm, sondern auch Licht. Zu den großen Texten der Bibel zählen wir Psalm 139, wo zum ersten Mal im jüdischen Glauben das Licht der Welt Gottes mit dem Schatten-reich des Todes verbunden wird. Da heißt es: Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich bei den Toten, so bis du auch da. Nähme ich die Flügel der Morgen-röte und bliebe am äußersten Meer – dort, wo man heimatlos der Verlorenheit preisgegeben ist- so würde auch dort deine Hand mich leiten und deine Rechte mich halten“


Mehr davon! Denn von diesem Vertrauen sind all die weiteren Aussagen der Bibel bestimmt, die uns helfen, der Ewigkeit Ausdruck zu verleihen. Immer sind sie von dem Gedanken durchzogen, dass jene, die wir nicht mehr bei uns haben können, dort an jenem anderen Ort geborgen und umsorgt sind, ja dass die wieder heil sein werden. Sie bedürfen unserer Fürsorge nicht, weil sie von Gottes Liebe umgeben sind. Abschied ist darum für uns Christen nicht einfach Trennung. Abschied geschieht bei uns so, dass wir einen Menschen verabschieden, um ihn ganz in Gottes fürsorgliche Hände zu legen. Wir gehen auf ein Ziel zu und nicht auf das Ende. Der Glaube gibt uns
dieses Ziel. So wird wieder in uns ein Platz frei, in dem sich unsere Kräfte sammeln können, um Schritt für Schritt auch wieder in unser Leben zu finden


Nun zum anderen, dass die Liebe bei uns bleibt:
Wie wir die Verstorbenen bei Gott geborgen sehen und mit seiner Liebe umgeben, so gibt uns der Glaube die gleiche Zusage, dass auch wir in gleichem Maße umgeben sind von Gottes Liebe. Denn seine Liebe ist in jedem Menschen. Sie ist da, auch zu uns selbst. Manchmal aber liegt sie verschüttet in uns und muss wieder geweckt und freigesetzt werden. Der Glaube kann diese heilenden Kräfte in uns wecken, die aus der Liebe erwachsen. Schwer aber fällt es, sich ihnen zu öffnen, wenn etwas unversöhnt zurück geblieben ist. Es ist doch nicht ungewöhnlich, dass man-ches offen bleibt, worüber man eigentlich noch hätte sprechen sollen. Es ist doch oftmals so, dass auch eine Enttäuschung geblieben ist. Und nicht selten verklagt man sich selbst, nicht früher da-ran gegangen zu sein etwas davon anzusprechen. Oder auch, dass einfach die eigenen Kräfte zu gering waren, um es sich zuzutrauen, an diesen schwierigen Punkten etwas zu ändern.


„Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.“ Das ist der Weg, den uns die Bibel zeigt. Es ist ein Weg der uns gut tut. Denn er macht uns Mut, auch uns selbst im Abschied mit dem Herzen zu betrachten. Auch die Umstände wollen mit dem Herzen betrachtet werden. Auch das, wo es in der Zeit der Trauer nicht gelungen ist, letzte Dinge zu klären. Auch das soll doch mit dem Herzen betrachtet werden, mit Barmherzigkeit auch zu sich selbst. Man kann über einem Grab noch manches regeln. Und was da gesprochen ist, das gilt vor Menschen wie vor Gott. Man kann sich hinstellen, so wie ich es einmal am Grab meines Vaters getan habe, die Dinge aussprechen, die einem auf dem Herzen liegen, sich neigen und dann auch wieder gehen. Was gesagt worden ist, das gilt. Die einmal gesprochene Bitte um Verzeihung ist ausgesprochen und einmal zugesprochene Vergebung ist zugesprochen. Man ist dann von seinem Anliegen frei und soll auch nicht weiter daran gebunden sein. So kann die Liebe bei uns bleiben und wieder stärker werden, wo sie schwach geworden ist. So kann sie heilen, was zerbrochen ist.


Bei einer Bestattung mitten im Winter, wo es kalt und düster war als wir zum Grab gingen, schritt als erstes die erwachsene Tochter aus ihrer Familie nach vorn, die es zeitlebens schwer hatte mit der Mutter. Da griff sie mit der Hand in die nasse Erde, nahm sich dreimal davon und ich hörte, wie sie sagte: „Einen für die Vergangenheit! Einen für die Vergebung! Einen für die Liebe!“ Warf die Erde hinunter, rieb sich die Hände, ging und stellte sich hinten zu den anderen. Was zu sagen war, das war gesagt. Auch für die Liebe, war eine Hand Erde dabei. Drei Hände Erde, die noch einmal sichtbar machen, was Abschied bedeutet: Das Vergangene der Vergangenheit anheimstellen. Sich der Vergebung anbefehlen und sich dadurch auch mit seinen eigenen Schwächen versöhnen. Dankbar sein, wo immer es möglich ist. Den verstorbenen Menschen zu Gott geben. Und sich selbst wieder mitten in das wärmende Licht der Liebe stellen.


Was aber bleibt? So fragt die Bibel und nennt drei Dinge, die bleiben: Glaube, Hoffnung und Liebe sind es, diese drei. Und doch ist die Liebe die Größte von ihnen.
Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen.

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