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Guten Abend, heute ist der 19. 08. 2019
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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau: Predigt an Heiligabend 2018

„Und Friede auf Erden“ Lukas 2, Verse 13 und 14

© Dieter Schütz / pixelio.de

© Dieter Schütz / pixelio.de

„Und Friede auf Erden“

Predigt an Heiligabend 2018 über Lukas 2, Verse 13 und 14

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

 

 

Liebe Festgemeinde,

Zum 13. Mal predige ich heute auf dieser Kanzel über die Weihnachtsgeschichte des Lukas. Jedes Jahr haben wir uns einen weiteren Vers vorgenommen. Dieses Jahr ist Vers 13 dran, und den nächsten Vers nehme ich gleich mit dazu. 

Damit sind wir jetzt auf dem Höhepunkt der Weihnachtsgeschichte angekommen, wir haben den Gipfel erreicht. Mit ganz großem Weitblick. Freilich ist die Luft hier oben auch schon ziemlich dünn. Ich lese:

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Damit scheint die Weihnachtsgeschichte jetzt endgültig ins Fantastische abgedriftet zu sein. Fantasy über den Feldern von Bethlehem.

Wobei ein Zyniker zurückfragen würde: Fantasy? Was meinen Sie denn: dass da Engel herumfliegen, oder das mit dem Frieden auf Erden?

Wer von Ihnen jetzt vielleicht das Weihnachtsoratorium im Ohr hat, ist da etwas benachteiligt. Ich meine, ich liebe das Weihnachtsoratorium, und für Johann Sebastian Bach habe ich höchsten Respekt. Aber an dieser Stelle hat er ein bisschen gepatzt, da singt der Evangelist nämlich immer von den himmlischen Heerscharen. Dabei sind es die himmlischen Heerscharen.

Heer! Wie Marine und Luftwaffe. Das ist was Militärisches. Heerscharen und Legionen kannten die Leute damals. Im Gleichschritt stampften die vorbei, mit Helm und Schwert, die Standarte des Kaisers in Rom vorneweg, Besatzungsarmee.

Und jetzt lässt der Evangelist Lukas ein Heer von Engeln auffahren. Unbewaffnet. Ein Heer der Gewaltlosigkeit. Die singen nicht das Lob des Kaisers, die loben Gott. Verstehen Sie, das ist politische Satire vom feinsten. Das hätte sich das Zentrum für politische Schönheit nicht besser ausdenken können.

Das ist der andere Friede. Nicht die mit Waffengewalt erzwungene Friedhofsruhe. Nicht die Terrorbekämpfung mit geheimen Lagern und Folterkeltern. Das ist der Gottesfriede, der Schalom, der Hirten und Tagelöhner zum Singen bringt. Brot und Wein in Fülle, jedem ein Platz an der Festtafel, ohne Eintrittskarte.

Friede mitten unter uns! Nicht irgendwo im Himmel, nicht erst nach dem Tod, sondern jetzt und hier, voll im Leben. Drunter tun’s die Engel nicht. Bescheidener ist die Weihnachtsbotschaft nicht zu haben.

Und wissen Sie, was ich glaube? Das größte Wunder der Weihnachtsnacht, das sind nicht die Engel, das ist auch nicht Friedensbotschaft. Das größte Wunder ist die Tatsache, dass die Hirten nicht gelacht haben. Sie sind drauf angesprungen, sind hingegangen nach Bethlehem, haben nachgeschaut, und dann, so lesen wir’s, haben sie das Wort ausgebreitet.

Und so zog es seine Kreise, das Wort vom Frieden und die Sehnsucht danach. Breitete sich aus über die ganze Welt. Und heute Abend gibt es kein Land und keine Stadt auf der ganzen Erde, wo diese Botschaft nicht gefeiert würde. Überall singen sie vom Gottesfrieden auf Erden. Wir auch. Wir hören noch einmal den Chor.

[Die Komponistin Karin Haußmann hat für diesen Abend den Ruf der Engel – „Ehre sei Gott in der Höhe …“ - zu einem chorischen Sprechgesang vertont. Ein erstes Mal kam er in dieser Christvesper als Teil des Vortrags der Weihnachtsgeschichte zu Gehör, ein zweites Mal an dieser Stelle in der Predigt.]

Haben Sie’s gemerkt? Bei den Menschen, bei den Menschen, bei den Menschen – mehr und immer mehr und noch mehr, und schließlich alle: seines Wohlgefallens. Ganz raumgreifend und inklusiv kommt das zum Klingen.

An ihnen allen hat Gott Wohlgefallen: den Alten und den Jungen, Christen und Nichtchristen, Einheimischen und Zugewanderten, Braven und Bösen und allen dazwischen.

Gott freut sich an ihnen, er will, dass es ihnen gut geht. Richtig verliebt ist Gott in uns Menschen. Er kann einfach nicht von uns lassen, und Christi Geburt: das ist Gottes Friedensgruß an die Menschheit, an uns alle, an dich und an mich.

Ist es nicht angemessen, wenn wir, im Gegenzug, Gott dafür ehren? Dazu wäre jetzt viel zu sagen, wie das gehen kann: Gott die Ehre geben.

Wie oft denken wir: Gott ist weit weg. Der schweigt. Vielleicht hat er sich längst aus dem Staub gemacht.

Und wenn schon, liebe Gemeinde! Selbst wenn er sich aus dem Staub gemacht hätte: Dann hätte er doch immer noch seine Spuren hinterlassen. Spuren, die es zu entdecken gibt und die wir in Ehren halten.

Ist nicht jedes menschliche Gesicht eine Spur des Höchsten? Wo er doch jeden Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat!  Wo er doch in einen Menschen wie unsereins, in dieses Kind in der Krippe, seine ganze Herrlichkeit gelegt hat!

Jedes Gesicht eine Spur. Das Lächeln eines Kindes. Die lebensgeprägten Falten von uns Alten. Die verstörte Blässe auf dem Gesicht des Überlebenden. Das Schimmern in den Augen der Liebenden. Wir müssen hinschauen, einander in die Augen sehen, dann trifft sich alles, wovon die Engel sprechen: Ehre, Friede, Wohlgefallen.  

Zum Schluss eine kleine Geschichte. Sie passierte kürzlich in Husum, ich las davon in der Zeitung. Und das ist jetzt weder Fantasy noch Satire.

[www.zeit.de/2018/52/migration-weihnachten-miteinander-fluechtlinge-abschiebung-zusammenhalt]

Ein junger Mann, nennen wir ihn Arian, legte seine Fahrprüfung ab. Er stammt aus Albanien, hat dort als Krankenpfleger gearbeitet, ist vor Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen, hat Deutsch gelernt, macht jetzt in Schleswig-Holstein eine Ausbildung zum Altenpfleger.

Jetzt war er in der Fahrprüfung und sollte im Gewerbegebiet von Husum das Einparken demonstrieren. Da sah er im Rückspiegel, wie ein Mann auf dem Parkplatz zusammenbrach und reglos liegenblieb. Reflexhaft stoppte der Prüfling, sprang aus dem Auto, eilte zu dem Gestürzten – und erkannte, dass der einen Herzstillstand hatte.

 Unter den Augen des Fahrlehrers und der Prüferin, die hilflos zusahen, begann er mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung. Er konnte den Mann reanimieren, bis der Krankenwagen kam und ein Notarzt alles Weitere regelte.

Die gute Nachricht: Der Mann mit dem Herzstillstand hat überlebt. Und er hat gewiss auch erfahren, wer ihm da das Leben gerettet hat, ein Geflüchteter aus einem mehrheitlich muslimischen Land. Die zweite gute Nachricht: Arian hat seine Fahrprüfung bestanden.

Es gibt aber noch eine dritte Nachricht, und die macht betroffen. Arian gehört zu jenen Flüchtlingen, die abgeschoben werden sollen, sobald sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Er lebt hier nur mit dem Status der Ausbildungsduldung.

Tja, so viel hat er investiert: Deutsch gelernt, Altenpflegeausbildung gemacht, sich mit Verstand und Mitgefühl eingebracht.

Hoffen wir, dass Arian vielleicht doch noch bleiben darf. Und wenn nicht, dann – da bin ich sicher – wird Gott dafür sorgen, dass Arian in Albanien noch vielen Menschen zum Segen wird.

Friede dem Land Albanien! Friede den deutschen Straßen! Friede der ganzen Erde!

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten.   

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