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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau Predigt am Karfreitag, 19. April 2019

„Es ist vollbracht!“

„Es ist vollbracht!“

Predigt am Karfreitag, 19. April 2019

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

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Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

 

Liebe Gemeinde,

das ist jetzt verkehrte Welt. So wie der Evangelist Johannes uns das erzählt. Da ist alles auf den Kopf gestellt. Welcher Sterbende redet denn so? Es ist vollbracht.

Stellen Sie sich das vor: Ein zum Tode Verurteilter. Auf die Pritsche geschnallt, die Giftspritze wird gerade injiziert, und er sagt: Das wäre geschafft. Ziel erreicht. Vollbracht. 

 Wenn schon, dann müsste so der Henker reden, oder der Richter. Aber doch nicht der Sterbende! Wer am Kreuz hängt, stirbt ohnehin durch Ersticken. Wo soll der die Luft für letzte Worte hernehmen?

 Es ist vollbracht? Nein, dieser Satz gehört in den Mund des Hohenpriesters, oder der Männer im Hohen Rat. Die Soldaten könnten das sagen, und sich dabei den Schweiß von der Stirn wischen. Eben alle, die Jesus aus dem Weg haben wollen. Und die jetzt hoffen, dass das Pilgerfest ohne weitere Zwischenfälle über die Bühne geht. Dass es zu keinem Volksaufstand kommt, und zu keinem Selbstmordanschlag. Dass alles ruhig bleibt.

 Aber so erzählt Johannes es nicht. Sein Bericht ist ganz anders. Die jüdische Behörde und die römische Besatzung sehen da ziemlich schlecht aus. Nur Gehampel, nur Ratlosigkeit und Verwirrung. Alle sind irgendwie die Opfer ihrer Machtgeilheit und Ängste und Intrigen. Auch die Jünger übrigens: Opfer ihrer Angst.

 Nur Jesus, der eigentlich das Opfer sein müsste: der wirkt wie der Fels in der Brandung – ruhig, klar, selbstbewusst.

 Wie ein König hängt Jesus am Kreuz. Mit dornengekröntem Haupt und segnend ausgebreiteten Armen. Und die Schrifttafel, eilig noch ans Kreuz genagelt, bestätigt das noch, auf tragikomische Weise und in drei Sprachen.

 Verkehrte Welt schon bei seiner Festnahme: Die Sicherheitskräfte gehen vor Jesus auf die Knie. „Sie wichen zurück und fielen zu Boden“, schreibt Johannes. In welchem SEK-Training hätten die denn das gelernt?

 Als Pilatus ihn verhört, sagt Jesus zu ihm: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“

 Und noch im Sterben sorgt Jesus für seine Mutter, damit sie nicht ohne Schutz und männliche Vertretung bleibt: „Frau, das ist dein Sohn. Siehe, das ist deine Mutter.“

 Bis zum letzten Atemzug bleibt Jesus der Souverän, unterwegs in der Mission des Höchsten. Es ist vollbracht. Das ist nicht die Erleichterung darüber, dass gleich die Schmerzen vorbei sind. Jesus stiehlt sich nicht aus dem Leben, um sich in die Nacht des Todes zu retten. Jesus hat seine Mission vollendet. Er ist im Auftrag Gottes ans Ziel gekommen.

 Aber was ist vollbracht? Worin besteht seine Mission? Die Antwort findet sich auch im Evangelium. Johannes hat sie auf gekonnte Weise platziert. Ganz vorn, im ersten Kapitel, wo Jesus zum ersten Mal als Mensch öffentlich in Erscheinung tritt, da hören wir’s aus dem Mund des Propheten:

 Am nächsten Tag sieht Johannes der Täufer, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.

 Das ist der Auftrag, am Anfang klargestellt. Und am Ende seines Wirkens, da schließt sich der Kreis. Jesus stellt die Erfüllung seines Auftrags fest: Es ist vollbracht.

 So ähnlich hat uns der Chor das eben zugesungen, in diesem Abschnitt aus der Nelsonmesse von Joseph Haydn: Jesu Christe, agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.  Das ist jetzt Latein, das ist halt aus der römisch-katholischen Messe.

Aber Sie brauchen kein kleines Latinum, um bei uns Gottesdienst zu feiern. Gleich, wenn es zum Abendmahl kommt, werden wir dasselbe auf Deutsch singen, als unser Gebet: Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser. Das sind die Worte aus dem Johannesevangelium.

 Und jetzt kommt alles darauf an, dass wir die richtig verstehen. Damit klar ist, was Jesus da vollbracht hat am Karfreitag.

 Der du trägst die Sünd der Welt. Es geht nicht nur um meine kleinen persönlichen Verfehlungen. Für die hätte Jesus nicht sterben müssen. Mit denen wäre er auch anders fertig geworden. Der Kampf ist viel größer, viel ernster. Es geht um das Böse schlechthin, um die Sünde als geballte kosmische Macht, die alles Leben gefährdet.

 Der du trägst die Sünd der Welt. Ja, Jesus trägt sie. Aber er trägt sie nicht spazieren. Er trägt sie weg. Er entsorgt sie. Er schafft sie raus aus der Welt.

 Jesus ist der Sündenbock. Kennen Sie den? Den gab’s früher im alten Israel. Das war ein Ritual, jedes Jahr an Yom Kippur, am großen Versöhnungstag. 

Da nahm man einen Ziegenbock, der Priester stellte sich vor ihn hin, presste beide Hände auf den Kopf des Tieres und benannte mit lauter Stimme all das Böse, alle Schuld und Untaten, die im zurückliegenden Jahr im Volk vorgekommen waren. Im Rahmen eines Gottesdienstes. Mit Gesang und Posaunen. Und dann trieb man den Bock hinaus in die Wüste, weg aus dem Land der Lebenden, und in der Einöde musste er verenden. 

 Das ist Religion als Therapie. Reinigung, Befreiung. Jedes Jahr darf das Leben noch einmal beginnen. Im dritten Buch Mose, Kapitel 16 wird dieses Ritual beschrieben. So hat es sich Gott für sein Volk ausgedacht.

 Ist das nicht phantastisch? All der Bockmist, der uns nachhängt und auf uns lastet, der wird uns vom Hals geschafft und auf ganz große Distanz gebracht. So singen wir es ja auch in unseren Liedern. Er warf unsre Sünden ins äußerste Meer, kommt betet den Ewigen an.

 Oder Psalm 103: So fern der Morgen ist vom Abend lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Das ist eine sehr präzise Aussage, die muss man geometrisch verstehen.

Die Leute stellten sich ja die Erde als große runde Scheibe vor. Die war umgeben von einem Ur-Ozean. Der Morgen ist der Punkt, wo die Sonne aufgeht, also die östliche Kante der Erdscheibe. Der Abend ist die Westkante. So fern der Morgen ist vom Abend: Die Distanz zwischen uns und unseren Untaten entspricht also exakt dem Durchmesser der kompletten Erdscheibe. Das heißt, egal wo wir leben auf der Erde: Gott hat das Böse so weit von uns weggeschafft, dass es immer irgendwo im Urmeer versinken muss.  

 So ist Gott. Und so passiert’s auch am Kreuz. Die Hinrichtung von Jesus ist ja das Böse schlechthin. Die Sünde in höchster Konzentration. Ausgerechnet dieser, der einzig wahre Mensch, dieses vollkommene, gottgefällige Leben: das konnten sie nicht ertragen, an dem vergriffen sie sich mit diesem Justizmord und lieferten es dem Tod und der Schande aus.

 Das ist der Gipfel. Da wird alles pervertiert: das Recht und die Ethik und die Religion. Am Kreuz hat Jesus das alles auf sich gezogen, alle Bosheit der Menschheitsgeschichte, sich alles aufgeladen auf seinen nackten und geschundenen Leib, und dann hinabgetragen: gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes.

 Und dann am dritten Tage auferstanden von den Toten. Rein, als Lichtgestalt. Und aller Unrat der Weltgeschichte muss unten bleiben: im Totenreich, vergraben und versiegelt auf ewig. So hat er die Sünde der Welt entsorgt.

 Liebe Gemeinde, das ist eine Entsorgung, da können die Atomphysiker in Gorleben nur von träumen. Da tritt kein Wasser aus, da gibt’s keine tektonischen Verschiebungen, da rührt sich nichts mehr, das ist endgültig.

 Da vergammelt bereits jetzt schon alle Sünde der Zukunft. Und die von dieser Woche. Die ganze Schieflage.

 500 Millionen Dollar versucht die UNO einzusammeln von den Regierungen der Welt. Damit den Kriegsopfern im Jemen geholfen werden kann. 500 Millionen Dollar! Die UNO bettelt und kriegt sie nicht zusammen.

 Immer mehr Menschen im Jemen wünschen sich seit Montagabend, sie wären eine abgebrannte Kathedrale aus dem Mittelalter.

 „Ach, hätte der Jemen bloß schöne Buntglasfenster und ein Chorgestühl aus dem 16. Jahrhundert und wäre dann teilweise abgebrannt“, seufzt etwa der 19-jährige Sumaya al-Wadi’i, der gerade mit einer Kopfverletzung auf medizinische Behandlung wartet. „Politiker würden sich überbieten, uns zu helfen. In den sozialen Netzwerken würde man über uns trauern. Superreiche würden uns spontan und medienwirksam mit Millionen-Spenden überhäufen.“

 Die 41-jährige Amat Khaldun, die letzten Monat zwei ihrer Kinder verlor, klagt: „Manchmal wünsche ich mir einfach, wir alle hier wären ein altes gotisches Gemäuer, in dem es oben brennt. Denn in unserer jetzigen Gestalt“, so erklärt sie, „interessiert sich leider niemand dafür, in welchem Zustand sich unser Land befindet. Keiner will es innerhalb von fünf Jahren wieder aufbauen.“

 Gerade haben saudische Kampfjets ein nahegelegenes Viertel bombardiert. „Jetzt brennt es“, erklärt Khaldun und zeigt auf die Rauchsäule. „Das ist an sich nicht falsch. Aber es ist eben keine alte Kathedrale, sondern sind nur Häuser und Menschen.“

 Achtung, liebe Gemeinde! Das ist Satire, zitiert von der Webseite des „Postillion“ (www.der-postillon.com).  Satire ist sowas Ähnliches wie Prophetie, sie macht die Wahrheit kund.

 Siehe, Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Auch die Sünde unserer Tage. Weggetragen. Vergeben. Begraben. Entsorgt.

 Und wenn das so ist: Warum verbeugen wir uns dann immer noch vor ihr? Als wäre sie das Gesetz nach dem wir zu leben hätten? Als wären das eherne Sachzwänge, wo man nichts machen könnte?

 Es ist doch alles längst vollbracht. Gott ist schon viel weiter, sieht die Welt schon mit ganz neuen Augen, als wäre die Welt schon rein, entsorgt, erneuert. Das, liebe Gemeinde, ist unsere einzige Chance. Ergreifen wir sie!

 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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