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Guten Abend, heute ist der 10. 04. 2020
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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau: Predigt am 6. Oktober 2019 - Erntedankfest

„Danke!“

© Dieter Schütz/ pixelio.de

© Dieter Schütz/ pixelio.de

„Danke!“

Predigt am Erntedankfest, 6. Oktober 2019

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

 

Liebe Gemeinde,

mein erstes Wort ist Danke. Danke, lieber Gott! Jeden Tag darf ich mich satt essen, das ganze Jahr. Brötchen, die morgens um sechs schon frisch gebacken sind, Spargel, den andere für mich gestochen haben, Fleisch von glücklichen Schweinen, und das Pils im Ruhrpott geht niemals aus.

Danke! Die Regale in den Supermärkten sind voll. Ich brauche nur hineinzugreifen, nehme aus der Fülle, worauf ich Lust habe.

Noch für meinen Großvater wäre das undenkbar gewesen. Der war Kötter, landloser Bauer in Ostwestfalen. Für jedes Büschel Roggen musste er die Sense schwingen, für jeden Liter Milch den Rücken krumm machen.     

Ich bin jetzt 65 Jahre alt und musste noch nie im Leben hungern, nicht einen Tag. Hunger war immer die Erfahrung der anderen. Meine Mutter erzählte von der schlechten Zeit. Als 17-Jährige hat sie den Hungerwinter 46/47 durchgestanden. In China erzählen mir meine Freunde, wie ihnen in ihrer Kindheit der Reis mit gekochter Baumrinde verlängert wurde.  

Aber wo ich hinkam, war das alles schon vorbei. Ich habe immer nur Überlebende getroffen.

 Vor 50 Jahren wurde ich konfirmiert. Mit unserm Pastor Sander sangen wir das Lied: Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen, steht in des Herren Hand. Dabei sah sein linkes Auge immer starr geradeaus. Es war aus Glas, er hatte Stalingrad überlebt.

In Erdkunde hatten wir Dr. Flötmann, einen jungen Mann in braunem Anzug, immer eine Zigarre im Mund. Jungs, sagte er – wir waren ein Jungengymnasium -, die Weltbevölkerung wächst viel zu schnell. Jetzt sind es schon 3,6 Milliarden. Ein Drittel aller Menschen leidet am Hunger. – Das war 1969! Und dann warnte er vor der Apokalypse: Die Menschheit wird verhungern, es wird Verteilungskriege geben, und ihr werdet es erleben. 

Derweil predigte unser Pastor von der Güte Gottes und von Brot für die Welt. Dann ließ er sich einen Vollbart stehen. Darüber echauffierte sich die ganze Kirchengemeinde. Vollbärte waren damals nur was für linke Spinner, aber nicht für Pfarrer.

Kein Problem, sagte er, ich nehme den Bart wieder ab. Aber erst, wenn ihr 1000 Mark zusammengelegt habt für Brot für die Welt. Das Geld kam schnell zusammen. Wir waren eine gutbürgerliche Kleinstadt.

Ich war hin- und hergerissen damals, als Konfirmand, zwischen Pastor Sander und Dr. Flötmann, zwischen Konfikurs und Erdkunde. Heute, aus dem Rückblick von 50 Jahren, kann ich nur Danke sagen: Mein Pastor mit dem Glasauge hat Recht behalten und mein Erdkundelehrer mit der Zigarre Unrecht.

Heute zählen wir 7,6 Milliarden Menschen, mehr als doppelt so viel wie vor 50 Jahren. Und dennoch ist heute nur noch jeder Zehnte von Hunger bedroht, und in den meisten Fällen sind Kriege die Ursache. Mehr als sechseinhalb Milliarden werden verlässlich satt.

Und es wäre genug für alle da, wenn nicht ein Viertel der Welternte verderben und vernichtet würde. Die Erde könnte sogar 12 Milliarden ernähren, wenn weniger Fläche für die Produktion von Futtermitteln draufginge. Unser blauer Planet ist so reich und so freigiebig, und der menschliche Geist so erfindungsreich. Der Kampf mit dem Welthunger wurde in den letzten 50 Jahren gewonnen, und das war eine gigantische Leistung und eine wunderbare Gebetserhörung.

Danke, lieber Gott! Ich persönlich durfte meinen mikroskopisch kleinen Einsatz dazu beitragen, in der ersten Hälfte meines Berufslebens: erst in der kirchlichen Bildungsarbeit und dann in der Entwicklungsarbeit der Kirche in China.

Und Dr. Flötmann hat das alles auch noch erlebt. Er hat gestaunt und sich gefreut, und seine Zigarre hat mächtig Dampf gemacht.

Wissen Sie, diese Erinnerung möchte ich hochhalten. Es ist die Erinnerung meiner Lebenszeit, das Erntedankfest meiner Generation. Es ist wie eine Bestätigung des Regenbogens. Sie kennen doch den Regenbogen und seine Bedeutung in der Bibel?

Da war die Sintflut über die Welt gekommen, Hurricanes, Tsunamis und Überschwemmungen, eine gigantische Naturkatastrophe. Menschen und Tiere gingen zugrunde. Als das Land wieder trocken war, als die Überlebenden aus der Arche stiegen und Noah seinem Gott ein Dankopfer brachte, da, so heißt es, stieg Gott der liebliche Geruch des Opfers in die Nase und er sprach in seinem Herzen:

 Ich will in Zukunft nie mehr die Erde verfluchen wegen der Menschen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist ohnehin böse und engstirnig, von Jugend auf. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Und zum Zeichen, dass das gilt, und damit ich’s nie vergesse – sagt Gott – habe ich meinen Bogen gesetzt in die Wolken. Immer, wenn die Wetter getobt haben, soll man den Regenbogen in den Wolken sehen - zur Erinnerung an den Freundschaftsbund, den ich geschlossen habe zwischen mir und der Erde und allem, was lebt“ – sagt Gott, der Herr. (Genesis 8:21-22, 9:13-15)

Ob das auch in Zukunft gilt, liebe Gemeinde? Heute im Gottesdienst singen die Kinder von der Schönheit unserer Erde: For the Beauty of the Earth. Sie singen von der unendlichen Liebe, in die alles getaucht ist.

Freitags vormittags, auf unseren Straßen, skandieren sie etwas Anderes: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“

 Zwei Botschaften: Regenbogen hier, kommende Sintfluten dort. Was gilt?

Ich denke: Beide Botschaften sind wahr. Christlicher Jugendchor und Fridays for Future. Die Spannung müssen wir aushalten, da müssen wir durch. Das eine ist ohne das andere nicht mehr zu haben. Und das ist auch ganz logisch so.

Überlegen Sie mal. Es wäre doch fatal, wenn wir die Warnungen der Wissenschaft in den Wind schlagen würden. Wenn wir freitags einfach die Fenster schließen, während draußen die Jugendlichen mit ihren grünen Fahnen vorbeilaufen.

Natürlich könnten wir das tun. Wir könnten uns in die pure Erntedankfolklore zurückziehen. War doch immer so schön mit den Weizengarben am Altar, mit Kürbissen und Sonnenblumen. So hübsch und friedlich. Dazu all die Lieder von Wachstum und Gedeihen.  

 

Aber es wäre unwissenschaftlich und unaufgeklärt. Religion als Opium. Und vor allem: Wir würden unsere eigenen Kinder und Enkel verraten. Nach uns die Sintflut, buchstäblich! Wer so lebt, amputiert seine Seele. Und es wäre eine schwere Sünde. Ja, man kann auch den christlichen Glauben in den Dienst der Sünde stellen.

Das ist die eine Seite. Aber die andere Seite gilt auch. Stellen Sie sich vor, wir lernen alle Zahlen vom drohenden Klimawandel auswendig und tapezieren unsere Wände mit dem verhungernden Eisbär auf der schmelzenden Scholle. Und wir hätten nicht noch irgendwo den Regenbogen im Herzen. Wir hätten auch den letzten Rest von Urvertrauen verloren, dass es da eine Liebe gibt, die größer ist als unsere Herzen. Eine Liebe, die alles umfängt. Die dafür sorgt, dass Saat und Ernte nicht aufhören werden, dass es weitergeht mit Hitze und (!) Frost, Sommer und (!) Winter.

Wo sollten wir denn die Motivation hernehmen für die Umkehr, die jetzt geboten ist? Womit könnten wir uns denn stärken für den politischen Kampf, der immer dringender wird?

Nur im Urvertrauen auf Gottes Treue habe ich überhaupt die Gelassenheit, die Trippelschritte in der Klimapolitik auszuhalten, Widerstände geduldig zu ertragen und mich nicht zynisch zurückzuziehen.  

Ohne den Regenbogen im Herzen wäre es doch viel rationaler, schnell noch mal nach Malle zu fliegen und in die DomRep und auf Safari nach Afrika, bevor das alles viel zu teuer wird. Jetzt noch mal! Weil’s die anderen ja auch so machen. Und Deutschland alleine die Welt sowieso nicht retten kann.

Aber wenn ich das Ziel schon im Herzen trage: Gott unser Schöpfer, der das Werk seiner Hände nicht loslässt! Unser Planet in Gottes Hand! Dann, ja dann werde ich das Nötige mit Dank und Freude tun. Und werde anfangen mit meinen lächerlich kleinen Schritten. Und mich von den Unbelehrbaren dafür sogar verhöhnen lassen. Weil ich mich im Herzen schon auf der Seite des Siegers weiß.

Der Tropfen auf den heißen Stein kann der Anfang eines Regens sein. Ein sechszehnjähriges Mädchen mit einem Pappschild vor dem Reichstag. Wer hätte sich so was ausdenken können! Ironie des Heiligen Geistes!

 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott der Herr. Gedanken des Friedens, und nicht des Leides. Dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Das hat einmal der Prophet Jeremia geschrieben, als nach menschlichem Ermessen schon alles aus war. Aber dann war es eben doch nicht aus.

Danke ist mein erstes Wort. Und dann wird es auch unser letztes Wort sein. Amen.

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