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Guten Abend, heute ist der 06. 06. 2020
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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau: Predigt am 29. April 2018 (Sonntag Kantate)

„Gesang, der Fesseln sprengt“

© Ch.Maderthoner /pixelio.de

© Ch.Maderthoner /pixelio.de

 

„Gesang, der Fesseln sprengt“

Predigt am 29. April 2018 (Sonntag Kantate)

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

 

 

Das Buch der Apostelgeschichte erzählt in Kapitel 16 dramatische Ereignisse, die die Apostel Paulus und Silas nach ihrer Ankunft in Europa in der Großstadt Philippi erlebten:

 

Es geschah aber – wieder auf dem Weg zur Gebetsstätte -, dass eine Sklavin auf uns zukam, die einen Wahrsagegeist hatte und mit der Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte. Die lief Paulus und uns hinterher und schrie: Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes, sie verkündigen euch den Weg des Heils! Das tat sie viele Tage lang. Als Paulus es satt hatte, wandte er sich um und sagte zu dem Geist: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, aus ihr auszufahren. Und augenblicklich fuhr er aus.

Als aber ihre Herren sahen, dass ihre Hoffnung auf Gewinn dahin war, ergriffen sie Paulus und Silas und schleppten sie auf den Marktplatz vor die Behörden. Sie führten sie den Richtern der Stadt vor und sagten: Diese Leute bringen unsere Stadt durcheinander. Es sind Juden, und sie verkünden Sitten und Bräuche, die wir als Römer weder übernehmen noch beachten dürfen. Auch die Menge stellte sich gegen sie, und die Richter der Stadt ließen ihnen die Kleider vom Leib reißen und befahlen, sie zu geißeln. Nachdem man ihnen viele Schläge gegeben hatte, warf man sie ins Gefängnis und trug dem Gefängniswärter auf, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. Auf diesen Befehl hin führte der sie in den innersten Teil des Gefängnisses und legte ihnen die Füße in den Block.

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas zu Gott und stimmten Lobgesänge an, und die anderen Gefangenen hörten zu. Da gab es auf einmal ein starkes Erdbeben, und die Grundmauern des Gefängnisses wankten; unversehens öffneten sich alle Türen, und allen Gefangenen fielen die Fesseln ab.

Der Gefängniswärter fuhr aus dem Schlaf auf, und als er sah, dass die Türen des Gefängnisses offen standen, zog er sein Schwert und wollte sich das Leben nehmen, da er meinte, die Gefangenen seien geflohen. Paulus aber rief mit lauter Stimme: Tu dir nichts an, wir sind alle da! Jener verlangte nach Licht, stürzte sich ins Innere und warf sich, am ganzen Leib zitternd, Paulus und Silas zu Füßen. Er führte sie ins Freie und sagte: Große Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden? Sie sprachen: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus. Und sie verkündigten ihm und allen, die zu seiner Familie gehörten, das Wort des Herrn.

Und er nahm sie noch zur gleichen Nachtstunde bei sich auf und wusch ihre Wunden und ließ sich und alle seine Angehörigen unverzüglich taufen. Dann führte er sie in seine Wohnung, ließ den Tisch bereiten und freute sich mit seinem ganzen Haus, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.

 

Liebe Gemeinde,

erinnern Sie sich noch an Peter Steudtner? Das ist der deutsche Menschenrechtsaktivist und Fotograf aus Berlin, der im vergangenen Jahr in der Türkei im Gefängnis saß. Im Juli nahm er in Istanbul an einer Konferenz von NGO-Vertretern teil. Zusammen mit anderen wurde er verhaftet, unter dem Verdacht, eine bewaffnete Terrororganisation zu unterstützen.

 

Peter Steudtner ist Christ, er ist Mitglied der Berliner Gethsemane-Gemeinde. Dort trafen sich seine Freunde und Glaubensgeschwister jeden Tag um 18 Uhr zur Fürbitte – jeden Tag, bis er nach 113 Tagen aus dem türkischen Gefängnis entlassen wurde.

 

Steudtner hat das gewusst, und später hat er erzählt, wie er sich im Gefängnis jeden Abend um 18 Uhr auf den Zellenboden gesetzt hat und für sich allein Lieder gesungen hat: dieselben Lieder, die sie zeitgleich in der Gethsemane-Gemeinde gesungen haben: „Wachet und betet“ und „We shall overcome“. Und dann hat er diese Energie gespürt, diese Verbundenheit über Tausende von Kilometern hinweg. Und er fühlte sich getragen von einer Macht, die größer und stärker war als die Gefängnismauern und der türkische Justizapparat.

 

Um Mitternacht – als es am dunkelsten, am aussichtslosesten war – um Mitternacht beteten Paulus und Silas zu Gott und stimmten Lobgesänge an, und die anderen Gefangenen hörten zu. Was für eine Kraft liegt in diesem Singen!

 

Da gab es auf einmal ein starkes Erdbeben, und die Grundmauern des Gefängnisses wankten; unversehens öffneten sich alle Türen, und allen Gefangenen fielen die Fesseln ab.

 

Liebe Gemeinde, das ist der Predigttext für den Sonntag Kantate, alle sechs Jahre. Und ich habe mir überlegt, eine Predigt über die Kraft des Singens zu halten. Singen ist gesund. Es senkt den Blutdruck und verlängert das Leben. Wer bei uns im Chor singt, der nimmt die Texte und Melodien mit in den Alltag, in der Seele wirken sie fort.

 

Singen vertreibt die Angst. Patienten erzählen mir, wie sie im Krankenhausbett in den Operationssaal geschoben wurden, und innerlich waren sie voller Gesang. Und sie fühlten sich behütet und siegesgewiss.

 

Paulus und Silas liegen im finsteren Kerker, die Füße im Block. Haben ihre Loblieder nicht alles gesprengt? Die Mauern, die Türen und die Ketten. Zumindest im symbolischen Sinne kann man sich das vorstellen. Da liegt Wahrheit drin, und das sollte meine Predigt sein.

 

Aber dann haben wir diesen Bibeltext im Predigtworkshop besprochen. Den Predigtworkshop haben wir an jedem ersten Mittwoch im Monat. Da sitzen wir im Gemeindehaus am Tisch und diskutieren im Voraus den Bibeltext, über den ich später predigen muss.

 

Da haben wir neulich auch diese Geschichte mit Paulus und Silas gelesen. Und die Leute sagten mir: Schau doch mal richtig in den Text! Da steht nichts davon, dass der Gesang die Türen aufgesprengt hätte. Das hat das Erdbeben gemacht, nicht das Singen. Beides, das Singen und das Beben, stehen im Text unvermittelt nebeneinander: Um Mitternacht beteten Paulus und Silas zu Gott und stimmten Lobgesänge an … Da gab es auf einmal ein starkes Erdbeben…

 

Ja, stimmt, die Leute hatten recht. Eins zu null für den Predigtworkshop! Ein Erdbeben, das ist nie und nimmer das Werk von Menschen. Auch in der Erzählsymbolik der Bibel nicht. Das ist allein Gottes Werk, Gottes Machttat.

 

Die römischen Haftbedingungen waren grausam damals. Paulus und Silas können da unten im Verließ vermodern, die sind so gut wie tot. Und dann das Erdbeben: Das bringt Befreiung von ganz oben. Das ist wie eine Auferstehung.

 

So wie am Ostermorgen. Auch da gibt es ein großes Erdbeben, jedenfalls im Bericht des Matthäus-Evangeliums. Die Wächter, die vor dem Grab Jesu postiert sind, fallen um wie tot. Ein Engel kommt wie ein Blitz vom Himmel und sprengt den Stein vom Grab weg.

 

Gott demonstriert seine Macht. Er setzt sich durch gegen bewaffnete Soldaten, gegen Pilatus und den Kaiser, ja sogar gegen den Tod.

 

So auch hier bei Paulus und Silas. Es geht also um viel mehr als nur um Kirchenchöre und singende Selbsthilfegruppen. Die Botschaft ist viel großartiger. Sie lautet: Gott ist treu, und er setzt sich durch.

 

Die ganze Geschichte lässt sich nämlich als Machtkampf lesen. Wer ist Herr? Wer hat die größere Autorität? Darum geht es.

 

Da ist diese Sklavin mit ihren „Herren“, so werden sie genannt. Nun, diese Herren sind bessere Zuhälter, die beuten die Frau aus, sie verdienen viel Geld mit ihren spirituellen Visionen. Die Frau selbst bekommt von dem Gewinn nichts ab. Sie wird eine Zugewanderte vom Lande sein, wird in der Großstadt gehalten wie eine Gefangene.

 

Mit diesen Männern legen sich Paulus und Silas an, indem sie den Wahrsagegeist der Frau austreiben. Die schlagen zurück, indem sie öffentlich Anklage gegen die Apostel erheben. Übrigens mit einem bekannten Argument. Sie sagen: Diese Leute bringen unsere Stadt durcheinander. Es sind Juden und sie verkünden Sitten und Bräuche, die wir als Römer weder übernehmen noch beachten dürfen. Auf Deutsch gesagt: Das Judentum gehört nicht zu Philippi, und das Christentum auch nicht.

 

Populismus gab’s auch damals schon. So lesen wir denn: Auch die Menge stellte sich gegen die Apostel. Die Richter geraten unter Druck und folgen der öffentlichen Meinung. Sie ordnen Auspeitschung an und Verwahrung im Hochsicherheitstrakt.

 

Und dort singen Paulus und Silas, hörbar. Die singen da nicht aus Freude. Die haben doch keine Lust auf Party! Dieses Singen, das ist eine besondere Form der Loyalitätsbekundung. Singend bekennen sie: Unser Gott regiert. Nicht die Herren dieser Frau, nicht die Herren der Stadtregierung oder die Herren Richter sitzen im Regiment, sondern Jesus Christus. Er ist der Herr!

Für das Wort Singen steht im griechischen Urtext das Wort Hymnéo: besingen, preisen, rühmen. Daher unser Fremdwort Hymne. Wenn wir Hymnen singen, dann geht es immer auch um solch eine Loyalitätsbekundung: die Nationalhymne, die Vereinshymne. Wir feiern die Stärke dessen, den wir besingen. Es ist eine Frage der Ehre, für die Hymne steht man auf, manche legen die Hand aufs Herz.

 

Singend setzten Paulus und Silas alle ihre Trümpfe auf ihren Gott. Obwohl die äußeren Umstände erstmal alle dagegen sprechen. So wie die Fans im Stadion: Auch wenn ihre Mannschaft schon total am Abschmieren ist, stimmen sie die Vereinshymne an, trotzig und treu.

 

Und Gott lässt sich nicht lumpen. Er reagiert, mit einer Befreiungsaktion der besonderen Art. Das ist allein Gottes Aktion. Kein menschlicher Gesang kann das erzwingen.

 

Obwohl, wenn ich genau drüber nachdenke …  dann sind auch die Lieder ganz wichtig. Vielleicht haben die ja ein bisschen dazu beigetragen - Gott vielleicht sogar dazu angestiftet, sich so machtvoll zu zeigen.

 

Wenn wir Gott zu Ehren singen, dann wird ihn das doch nicht kalt lassen. Gott freut sich doch über unsere Lieder. Er antwortet doch auf unsere Gebete.

 

Es muss ja nicht immer gleich ein Erdbeben sein. Fesseln können auf vielerlei Weise abfallen. Türen können sich aus mancherlei Gründen öffnen. Gott wird uns die Freiheit schenken. Deshalb sollten wir jetzt schon mal singen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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