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Guten Abend, heute ist der 10. 04. 2020
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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau: Predigt am 27. Oktober 2019 "Der hat auf keinen Sand gebaut!"

im Kantatengottesdienst

© Dieter Schütz /pixelio.de

© Dieter Schütz /pixelio.de

„Der hat auf keinen Sand gebaut!“

Predigt in einem Kantaten-Gottesdienst am 27. Oktober 2019

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

 

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand die Aufführung der Kantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ von Felix Mendelssohn Bartholdy (1829). Darin hat er drei Strophen des bekannten Chorals verarbeitet, den Georg Neumark 1641 geschrieben hat. Die Ansprache bestand aus zwei Teilen, die an verschiedenen Stellen im Gottesdienstablauf zu Gehör kamen.

 

Georg Neumark – die Geschichte zum Lied

„Wer nur den lieben Gott lässt walten“: Dieses Lied hat Felix Mendelssohn Bartholdy seiner Kantate zugrunde gelegt. Es gehört bis heute zu den beliebtesten Chorälen im deutschsprachigen Raum.

Allein schon die Melodie klingt so tröstlich. Balsam für die Seele ist auch der Text. Das ganze Lied ist wie ein Aufatmen, ein Zur-Ruhe-Kommen.

Dabei hatte der Mensch, der diesen Choral gedichtet und komponiert hat, schlimme Gewalt erlitten. Ja, dies ist der Choral eines Gewaltopfers.

Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als Georg Neumark 1621 in Langensalza in Thüringen geboren wurde und in Gotha zur Schule ging und dort seinen Abschluss machte. Er kannte es nicht anders, als dass Krieg war, und die Zeiten unsicher.

Aber Königsberg in Ostpreußen lag etwas abseits vom Kriegsgeschehen, dort an der Uni wollte er Jura studieren. Ein Schiff sollte den 19-jährigen Abiturienten von Kiel aus über die Ostsee dorthin bringen.

Man war damals zu Fuß unterwegs. Um aus Mitteldeutschland nach Kiel zu kommen, schloss sich Georg Neumark einer Gruppe von Handelsreisenden an, die die Leipziger Messe besucht hatten und jetzt wie er nach Norden wollten. In der Gruppe war das Reisen sicherer.

Deutschland war damals das, was wir heute einen „failed state“ nennen würden, ein Land ohne staatliche Ordnung. Wir denken dabei heute an den Irak, an Lybien oder den Ostkongo. So war es damals in Deutschland. Reisen war gefährlich.

Georg Neumark half denn auch alle Vorsicht nichts. Sein Tross wurde überfallen, er wurde ausgeraubt, verlor die wertvollen Bücher, seine Kleidung, sein Geld.

Sein Leben konnte er retten, aber es blieb ihm nichts außer einigen Empfehlungsschreiben. Auch die heißgeliebte Gambe war weg, ein Saiteninstrument, das er meisterlich spielte, das heute aber kaum noch bekannt ist.

Es war Hebst, der Winter rückte näher, und Georg Neumark schlug sich über Magdeburg und Lüneburg nach Hamburg durch. Nirgendwo fand er eine Anstellung, mit der er sich hätte über Wasser halten können. An die Finanzierung eines Studiums war schon gar nicht zu denken.

Schließlich, Anfang 1641, kam er in Kiel an, mit nichts als dem, was er am Leibe trug. In seinen Erinnerungen hat Neumark später geschrieben: „Ich wurde so melancholisch, dass ich oftmals des Nachts in meiner Kammer den lieben, barmherzigen Gott mit heißen Tränen kniend um Hilfe anflehte.“

Da, endlich, lachte ihm wieder das Glück. In Kiel wurde überraschend die Stelle eines Lehrers frei. Der Stelleninhaber hatte irgendetwas ausgefressen und sich aus dem Staub gemacht. Georg Neumark erhielt die Lehrerstelle und blieb zwei Jahre in Kiel, bis er sich das Geld für das Studium zusammengespart hatte.

Noch an dem Tag, an dem er die Stelle antrat, dichtete Neumark sein Lied: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.

Später wurde er tatsächlich Jurist und arbeitete in der Regierung am Weimarer Hof. Nebenher widmete er sich immer der Poesie und der Musik. Er wurde ein führendes Mitglied der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, der bedeutendsten literarischen Gruppierung jener Zeit.

1681 ist er in Weimar gestorben. Sein Lied wurde vielfach übersetzt und fand weltweit Verbreitung. Bis heute ist es rund um den Globus in Gesangbüchern zu finden. Lassen Sie uns das Lied jetzt gemeinsam singen. 

 Felix Mendelssohn – das wichtigste Wort

„Der hat auf keinen Sand gebaut!“ – So endet die erste Strophe von Neumarks Choral, liebe Gemeinde, und in dieser Strophe bringt Mendelssohn Bartholdy den Bass so richtig zum Leuchten. Der Bass ist das Fundament, und darum geht’s ja auch inhaltlich, um das Fundament unseres Lebens, wo wir Halt finden und uns fest machen.

Gott verlässt dich nicht. Er bleibt dir treu. Darauf lässt sich bauen. Felsenfest. Auch wenn alle Zeichen auf Sturm stehen, auch wenn mal wieder Land unter ist.

Das darf in Mendelssohns Kantate der Bass verkünden, und wir Bass-Sänger haben uns gefreut, auch einmal die Melodie singen zu dürfen.

 Wer nur den lieben Gott lässt walten: In der ersten Strophe von Neumarks Choral hat Mendelssohn die Verszeilen alle in gleicher Weise aufgebaut, Zeile für Zeile. Zuerst setzen nacheinander die Begleitstimmen ein: Sopran, Alt, Tenor. In gestaffelter Weise nehmen sie das Thema vorweg, umspielen die Melodie. Und dann kommt der Bass mit dem Cantus firmus. Fest und proklamierend unterlegt er den chorischen Klang.

Das geht so Zeile für Zeile: Wer nur den lieben Gott lässt walten – und hoffet auf ihn alle Zeit – den wird er wunderbar erhalten.

Und dann kommt die Überraschung. Die vierte Zeile ist anders. Da beginnt (!) der Bass. In allem Kreuz und Traurigkeit: Das Wort in singt er voll in die chorische Pause hinein. Nur dieses eine Wort. Und dann fallen sofort alle Begleitstimmen ein. Aber das in sticht heraus. Als hätte Mendelssohn im Liedtext sich dieses eine Wort ganz dick eingekringelt.

Als wollte er sagen: Überlest das nicht! Eine unscheinbare Präposition des Ortes, zwei Buchstaben nur, aber darauf kommt es an!

„den wird er wunderbar erhalten in (!) allem Kreuz und Traurigkeit“. Gerade da drin!

Wenn du in deiner Traurigkeit zu versinken drohst. Mitten drin in Unglück und Kummer. Genau da soll das Wunder geschehen: Wunderbar erhalten wird dich Gott.

Wo wir doch gerade immer raus wollen aus der Traurigkeit, das Kreuz schnellstmöglich hinter uns lassen. Wir denken, das Wunder ist, wenn Kreuz und Leid an uns vorbeigehen, wenn wir verschont bleiben.

Nein, Gott verschont uns nicht. Warum eigentlich nicht? Weil wir sonst das Wunder nicht erleben würden?

Es könnte ja sein, liebe Gemeinde, dass wir uns die Geschichte vom Abiturienten Neumark einmal zu oft erzählen. Und dann damit hadern, dass wir aber noch keine Lehrerstelle gefunden haben. Dass unser Geschick sich nicht so schnell wendet wie seins.

Manches Kreuz, liebe Gemeinde, wendet sich nie zum Guten, ein ganzes Leben lang nicht. Oder was wollen Sie einer Mutter, einem Vater sagen, die ihr eigenes Kind zu Grabe tragen mussten. Da kommt man nicht raus. Da kann man nur drin bleiben.

Es gibt so viele Verluste, die uns das Leben zugügt, und manche hören nie auf, weh zu tun. Als gäbe es für irgendjemand von uns ein schmerzfreies Leben!  

Und wenn nun der Schmerz und das Glück überhaupt keine Gegensätze sind? Der Apostel Paulus hat einmal versucht, die Christen in Korinth diesen Gedanken nahe zu bringen:

In der Kraft Gottes leben, schreibt er, heißt das nicht: Wir sind wie Sterbende, und siehe, wir leben; wie Geschlagene, aber wir kommen nicht darin um; wie Traurige, aber in tief gegründeter Freude; wie Arme, aber die doch viele reich machen; wie Menschen, die nichts haben, und doch alles besitzen. (2Kor 6:9-10)

Das klingt vielleicht verrückt, aber ich glaube, da liegt das Geheimnis. Und das entdecken oft gerade solche Menschen, die sich dem Leid anderer aussetzen, freiwillig.

Grüne Damen zum Beispiel; Menschen, die sich in der Hospizarbeit engagieren; die mit dem Wünsche-Bus unterwegs sind. Die ihre Angst ablegen vor der Not der anderen. Die merken: Gott hat uns nicht das Paradies versprochen, wohl aber den Himmel auf Erden. Und sie entwickeln ein feines Gespür für den Unterschied.

In unsern Gesangbüchern ist übrigens die Verszeile, um die es geht, sprachlich revidiert worden: „in aller Not (!) und Traurigkeit“ singen wir heute. Mendelssohn dagegen hatte offenbar noch die Originalfassung vorliegen: „den wird er wunderbar erhalten in allem Kreuz (!) und Traurigkeit“.

Grammatisch ist das holprig, zugegeben, aber trotzdem mag ich das mit dem Kreuz lieber. Weil wir doch wissen, was es heißt, unser Kreuz tragen zu müssen. Und weil uns gerade das verbindet mit dem Gekreuzigten. Der uns den Kreuzweg vorangegangen ist. Der uns auf diesen Weg mitnimmt, hinter sich herzieht, neuem Leben entgegen. Und der uns auf dem Weg dahin nicht verlässt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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