Pfarrer Dr. Gotthard Oblau Predigt am 21. Juli 2019 "Interreligiöse Begegnung auf dem Mittelmeer"

Zweite von drei Predigten über das Buch Jona

Interreligiöse Begegnung auf dem Mittelmeer

Zweite von drei Predigten über das Buch Jona

 am 21. Juli 2019 (Fünfter Sonntag nach Trinitatis)

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

 

 

Liebe Gemeinde,

wir sind mitten in der Predigtreihe über den Propheten Jona. Jona, ein Mann aus Israel, den Gott nach Ninive schickt, in die Hauptstadt der Großmacht Assyrien. Dort soll Jona predigen. Aber Jona bekommt es mit der Angst zu tun. Er versucht, vor Gottes Auftrag wegzulaufen. Auf einem kleinen Frachtschiff will er nach Tarsis segeln, nach Spanien, einmal längs übers Mittelmeer.

Die Schiffsbesatzung ist eine international zusammengewürfelte Mannschaft. Die Matrosen kommen aus aller Herren Länder, gehören verschiedensten Religionen an, jeder glaubt an einen anderen Gott.

So was gibt’s nicht erst heute, das ist schon in dieser Erzählung so, und die ist weit über zweitausend Jahre alt. Das Schiff, auf dem Jona unterwegs ist, mag klein sein, aber es ist eine globalisierte Welt.

Hören Sie selbst. Ich lese aus dem Buch Jona im Alten Testament das komplette erste Kapitel und einige Sätze aus dem zweiten.

Und das –Wort des HERRN erging an Jona, den Sohn des Amittai. Mach dich auf, geh nach Ninive, in die große Stadt, und rufe gegen sie aus, denn ihre Bosheit ist vor mir aufgestiegen. Jona aber machte sich auf, um vor dem HERRN nach Tarsis zu fliehen. Und er ging hinab nach Jafo und fand ein Schiff, das nach Tarsis fuhr. Und er zahlte sein Fährgeld und stieg hinab in das Schiff, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weg vom HERRN.

Der HERR aber warf einen gewaltigen Wind auf das Meer, und über dem Meer zog ein schwerer Sturm auf, und das Schiff drohte auseinander zu brechen. Und die Seeleute fürchteten sich, und jeder schrie zu seinem Gott. Und die Ladung, die auf dem Schiff war, warfen sie ins Meer, um es davon zu erleichtern.

Jona aber war hinabgestiegen in die hintersten Winkel des Schiffs und hatte sich niedergelegt und war eingeschlafen. Da kam der Kapitän auf ihn zu und sagte zu ihm: Was ist mir dir? Du schläfst ja! Mach dich auf, rufe zu deinem Gott, vielleicht erinnert der Gott sich unser, und wir gehen nicht zugrunde.

Und sie sagten, ein jeder zu seinem Nächsten: Kommt und lasst uns Lose werfen, wir wollen erfahren, um wessen willen uns dieses Unglück trifft. Und sie warfen Lose, und das Los fiel auf Jona. Da sagten sie zu ihm: Sag uns doch, warum uns dieses Unglück trifft. Was ist dein Gewerbe, und woher kommst du, welches ist dein Land, und aus welchem Volk bist du?

Und er sagte zu ihnen: Ich bin ein Hebräer, und ich fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. Da gerieten die Männer in große Furcht und sagten zu ihm: Was hast du da getan! Denn die Männer wussten, dass er vor dem HERRN floh, er hatte es ihnen gesagt.

Und sie sagten zu ihm: Was sollen wir mit dir machen, damit das Meer sich beruhigt und von uns ablässt?, denn das Meer wurde immer stürmischer. Und er sagte zu ihnen: Packt mich und werft mich ins Meer, damit das Meer sich beruhigt und von euch ablässt! Denn ich weiß, dass dieser schwere Sturm meinetwegen über euch gekommen ist.

Die Männer aber ruderten verbissen, um das Schiff zurück ans Trockene zu bringen, aber sie schafften es nicht, denn das Meer wurde immer stürmischer gegen sie. Da riefen sie zum HERRN und sprachen: Ach HERR, bitte lass uns nicht zugrunde gehen, wenn wir diesem Mann das Leben nehmen, und rechne uns unschuldiges Blut nicht an, denn du, HERR, hast gehandelt, wie es dir gefallen hat.

Dann nahmen sie Jona und warfen ihn ins Meer, und das Meer wurde still und tobte nicht mehr. Da kam große Furcht vor dem HERRN über die Männer, und sie schlachteten ein Opfer für den HERRN und legten ein Gelübde ab.

Und der HERR ließ einen großen Fisch kommen, der Jona verschlingen sollte Drei Tage und drei Nächte lang war Jona im Bauch des Fisches. … Und der HERR sprach zum Fisch, und dieser spie Jona aufs Trockene.

 

 

 

Liebe Gemeinde,

Not lehrt beten. Das ist das Normalste von der Welt. Der Sturm tobt, das Deck wird überspült, das Schiff kämpft gegen haushohe Wellen, die Seeleute fürchten um ihr Leben, und dann heißt es: Jeder schrie zu seinem Gott.

Jeder zu seinem, den er von Kindesbeinen an kennt. Aber wenn mein Gott es nicht bringt, dann rettet uns vielleicht deiner. Jeder soll beten, wie er kann.

Und als trotz allem Schreien und Flehen der Sturm nicht nachlässt, da erinnert sich der Kapitän an diesen komischen Passagier, der in Jafo zugestiegen ist und irgendwo im Bauch des Schiffes liegt. Er findet ihn schlafend. Hoch mit dir! Ruf zu deinem Gott! Vielleicht kann der uns helfen, und wir gehen nicht zugrunde.

Das ist ganz pragmatisch gedacht, ganz utilitaristisch. So denken die Leute in Rellinghausen heute auch. Zum Beispiel, wenn Ende August das neue Schuljahr beginnt. Da gibt’s wieder Einschulungsgottesdienste. Ich mache den für die Stiftsschule, in St. Theresia, zusammen mit meinem katholischen Kollegen.

Da ist die Kirche rappelvoll, die Leute stehen in den Gängen. Die Erstklässler kommen mit ihren ganzen Familien. Denn jetzt beginnt der Ernst des Lebens, schulische Auslese, Lebenschancen werden verteilt.

Da kommen alle in die Kirche: Evangelische und Katholische, Christen und Muslime, Gläubige und Ungläubige. Und dann segnen wir die Kinder, jedes einzeln, unter Handauflegung und mit Namen. Und nachher sagen mir die Eltern: „Na ja, wer weiß, vielleicht hilft es ja.“

Aber in der Jona-Geschichte, auf dem Boot, da hilft erst einmal alles nichts. Das ganze Beten zu all den verschiedenen Göttern zeigt keinen Effekt. Der Sturm tobt weiter.

Da haben die Matrosen eine neue Idee. Sie werfen das Los. Einer muss doch schuld sein an dem Unwetter. Wer ist es? Auf wen sind die Götter wütend?

Man kennt das, das ist das vormoderne Weltbild. Wenn die Natur aus dem Ruder läuft, wenn es Dürre gibt oder Überschwemmung, dann sind Menschen dran schuld. Die Natur und die menschliche Moral bilden eine Einheit. Als im Mittelalter die Pest kam, da liefen Flagellanten durch die Straßen. Menschen peitschten sich selber aus, kasteiten sich, taten Buße, um Gottes Zorn zu stillen und die Pest abzuwenden.

Moderne Menschen finden, das ist Aberglaube. Was haben Epidemien oder das Wetter damit zu tun, ob Menschen gut oder böse sind?  

Heute leben wir in der Postmoderne. Doch, sagt die Wissenschaft heute, es gibt da einen Zusammenhang zwischen Krankheiten und unserer Lebensweise. Und der Wind und die Wellen haben auch was mit dem Menschen zu tun. Nur ist der Zusammenhang etwas komplizierter.

Wie auch immer, der Gott von Jona hat jedenfalls kein Problem, sich auf ein vormodernes Weltbild einzulassen. Er spricht dessen Sprache. Er kann auch Seemannsgarn. Er schickt den Sturm und lässt das Los auf Jona fallen.

Gott will nämlich den Jona zurückhaben, der muss nach Ninive. Und nebenbei will er sich auch noch der Schiffsbesatzung bekannt machen.

Jetzt ist Jona dran. Er muss Farbe bekennen. Die Matrosen löchern ihn mit Fragen: „Jetzt sag uns gefälligst, warum wir in diesem Schlamassel sitzen. Was machst du überhaupt beruflich? Woher kommst du, aus welchem Land stammst du? Was ist deine Religion?“

Wenn Sie so wollen, dann ist das jetzt ein interreligiöses Gespräch. Das läuft hier aber nicht nach den Ritualen einer evangelischen Akademie, sondern spontan, auf Deck, im heulenden Wind, aus der Not geboren.

Und am Ende glaubt nicht nur Jona an seinen Gott, die Seeleute glauben auch an Jonas Gott. Sie fürchten ihn. Sie feiern Gottesdienst für ihn. Offensichtlich hat der Jona zwischen Mast und Tauen und zerrissenem Segel eine „Missionspredigt“ gehalten, die überzeugt hat.

Ich habe mich gefragt: Wie spricht Jona eigentlich über seinen Gott? Was erzählt er den Leuten, diesen Heiden da auf dem Schiff? Und mir ist aufgefallen, dass er es ganz anders macht als es in unseren Kirchen üblich ist. Vier Unterschiede.

Erstens, Jona will überhaupt niemandes bekehren. Dass die Matrosen von seinem Gott so beeindruckt sind und ihn am Ende anrufen, ist, von Jona aus gesehen, ein völlig unbeabsichtigter Nebeneffekt.

Zweitens, Jona nennt seinen Gott beim Namen. Ja, der Gott der Bibel hat einen Namen. Die Götter sind nämlich nicht alle dieselben. Jona sagt: Ich bin ein Hebräer, und ich fürchte den HERRN.

Jonas Gott ist der HERR. So schreibt Martin Luther es in seiner Übersetzung. So sagen es auch die Juden, wenn sie aus der hebräischen Bibel vorlesen: Adonaj, mein Herr. Und immer, wo sie „Herr“ sagen, stehen in der Schrift, im Text, vier geheimnisvolle Buchstaben, JHWH (Jahwäh).

So heißt der Gott der Bibel. Das ist der heilige Name von Israels Gott, der Gott auch von Jona, und von Jesus. Und wer einen Namen hat, der ist einzigartig, der hat auch einen ganz eigenen Charakter.

Der Gott, der JHWH heißt, der hat schon die hebräischen Sklaven aus Ägypten gerettet. Er hat ein Ohr für die Elenden, er hört ihr Schreien, hat ein Auge für die Not der kleinen Leute. So ist nicht jeder Gott.  

Und drittens sagt Jona: Der HERR, der Gott an den ich glaube, ist der Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.

Das schlägt jetzt bei den Matrosen ein wie eine Bombe. Das Meer gemacht? Dann hat Jonas Gott ja auch die Macht über Wind und Wellen. Dann ist er es, der den Sturm geschickt hat, dann droht er sie jetzt alle zu verschlingen.

Sehen Sie, der Gott der Bibel ist nicht einfach nur lieb und harmlos. Der kann ganz schön aufbrausend werden. Wer mit diesem Gott zu tun bekommt, für den wird’s ungemütlich. Jonas Gott ist kein Kuschelgott für gemütliche Stunden bei Kerzenschein und Bachmusik. Er ist Herr über die Natur und alle Elemente. In den Stürmen des Lebens, da kommt uns dieser Gott entgegen. Und nur deshalb lassen sich die Seeleute auf ihn ein. Einen Kuschelgott brauchen sie jetzt nicht, dazu ist die Lage zu ernst. „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Das steht nicht etwa im Alten, sondern im Neuen Testament.

Aber jetzt kommt das Vierte, und das ist der Knackpunkt. Wenn die Kirche vom gewaltigen, strafenden Gott erzählt, dann gilt die Strafe in der Regel immer den andern. Denen da draußen, den Heiden, den Unfrommen, denen aus den anderen Religionen.

Hier, bei Jona, ist es genau umgekehrt: Ich weiß, sagt er, dass dieser schwere Sturm meinetwegen über euch gekommen ist. Mit anderen Worten: „Auf mich hat es mein Gott abgesehen. Ich bin überkreuz mit ihm. Ich hab die Strafe verdient. Tut mir leid, dass ich euch da mit reingezogen habe.“ Das stellt jede Missionspredigt auf den Kopf.

Gewiss, Jona macht seinen Gott ganz groß: Er hat Himmel und Erde gemacht. Aber er gibt auch zu: Er selbst wird diesem Gott nicht im entferntesten gerecht.

Denn wenn es stimmt, was er glaubt, dann kann er seinem Gott nicht weglaufen. Und dass er sich hier auf diesem Schiff befindet, zeigt nur, dass er nicht lebt, was er glaubt. Was für ein Prophet! Großer Gott, kleiner Glaube.

Aber gerade das überzeugt die Seeleute. Weil es den Sturm erklärt. Weil es die ganze Not und Lebensgefahr plausibel macht, ohne die Hoffnung zu nehmen.

Diese Erzählung hält mir den Spiegel vor, sie wird mir zum Gleichnis. Sind wir als Christen denn nicht genau wie Jona? Wir sitzen mit allen in einem Boot, mit Muslimen und Hindus und allen anderen, mit Gläubigen und Ungläubigen. Nur dass unser Boot viel größer ist, es ist der ganze Planet. Und der ist in Schieflage geraten. Nicht nur Wind und Wellen spielen verrückt, die ganze Atmosphäre tut es.

Und jetzt müssten wir mit Jona sagen: Wir wissen, dass dieser schwere Sturm unsertwegen über euch gekommen ist. Die ganze Krise. Wir im christlichen Abendland, wir haben angefangen mit der Kohle und dem Erdgas. Wir haben sie verfeuert und die Feuer als Fortschritt gefeiert.

Wir haben das Automobil erfunden mit seinem Durst nach Öl. Wir haben das Öl aus der Erde gepumpt und den Arabern viel Geld dafür bezahlt und nicht gefragt, was die mit dem Geld machen.

Wir haben es aller Welt vorgelebt und verkündet, wie super das ist. Und jetzt kommt unser gemeinsames Boot in schwere Not, Wind und Wellen werden immer schlimmer, weil das Klima verrücktspielt.

Unsere Kinder und Enkel stehen gegen uns auf und fordern ihr Recht auf Leben und Zukunft ein. Und wir sitzen da wie Jona. Wir glauben an den Herrn des Himmels. Der Meer und Land und die Luft geschaffen hat, die ganze Erdatmosphäre. Und müssen vor aller Welt gestehen: Wir wissen, dass dieser schwere Sturm unsertwegen über euch gekommen ist.

Jona jedenfalls hat sich ehrlich gemacht. Er hat sich zu seinem Gott bekannt und zu seinem Ungehorsam gegen Gott. Jona hat Demut gezeigt, mitten im Sturm, mit den anderen im Boot.

Und Gott reagiert. Das Meer wurde still und tobte nicht mehr. Und am Ende sind alle am Leben, keiner ist umgekommen. Die Seeleute finden mit ihrem beschädigten Boot den nächsten Hafen, Jona wird vom Fisch an Land geworfen.

Und die Leute von Ninive, die kommen auch noch mit dem Schrecken davon. Aber davon am nächsten Sonntag.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

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