Aktuelles
Aktuelles
Liturgischer Kalender
Gottesdienste
Schutzkonzept Gottesdienste
OnLine-Gottesdienst aus Essen
Offene Kirche
Gemeindebrief
An(ge)dacht
Predigten
Ausblick: Nachbargemeinden
Wir über uns
Pfarrer
Lebensbegleitung
Gottesdienste
Kirchenmusik
Treffpunkt Gemeindezentrum
Faire Welt Laden
Engagement
Familien
JIB - Jugendeck
Freizeiten
Kontakt
Impressum
Datenschutz
SUCHE
Sitemap
Guten Abend, heute ist der 06. 06. 2020
Sie sind hier: Predigtansicht  » 

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau: Predigt am 19. August 2018 (12. Sonntag nach Trinitatis)

„Darf man mit Heilungswundern rechnen?“

© Dieter Schütz/ pixelio.de

© Dieter Schütz/ pixelio.de

„Darf man mit Heilungswundern rechnen?“

Predigt am 19. August 2018 (12. Sonntag nach Trinitatis)

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

 

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Buch der Apostelgeschichte, Kapitel 3: Die Erzählung, wie Petrus in Jerusalem einen gelähmten Bettler heilt. Die kommt direkt nach Pfingsten. Unsere Geschichte heute ist also quasi eine Fortsetzung von Pfingsten. Erst ist der Heilige Geist auf die Jünger gekommen, dann wurden ganz viele Leute getauft, die trafen sich zu gemeinsamen Mahlzeiten und zum Gebet in ihren Häusern, gingen aber auch zu den Gottesdiensten in den Tempel. Und jetzt dies! Ich lese Apostelgeschichte 3, Verse 1-16.

 

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.

2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.

3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.

4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!

5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.

6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,

8 er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.

10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

11 Als er sich aber zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk bei ihnen zusammen in der Halle, die nach Salomo genannt ist, und sie wunderten sich sehr.

12 Als Petrus das sah, sprach er zu dem Volk: Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber oder was seht ihr auf uns, als hätten wir durch eigene Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass dieser gehen kann?

13 Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unsrer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr überantwortet und verleugnet habt vor Pilatus, als dieser ihn freisprechen wollte.

14 Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke,

15 aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; dessen sind wir Zeugen.

16 Und durch den Glauben an seinen Namen hat sein Name diesen, den ihr seht und kennt, stark gemacht; und der Glaube, der durch ihn gewirkt ist, hat diesem die Gesundheit gegeben vor euer aller Augen.

 

Liebe Gemeinde,

jetzt ist doch die Frage: Passiert sowas heute auch noch? Heilung im Namen von Jesus? Dürfen wir damit rechnen? Glaube, der gesund macht? Das Gebet eines Pastors, und schon kann ein Behinderter wieder laufen?

Oder gab’s das nur damals, in der Urgemeinde, in den goldenen Anfangszeiten der Kirche? Zur Zeit der Apostel, die Jesus noch persönlich erlebt hatten, die ganz nah dran waren am Heilsgeschehen?

Was sieht die Kirche das? Wie sagen die Theologen dazu?

Ich sag’s Ihnen gleich: Die Antworten fallen sehr verschieden aus. Die klassische Lehre in der katholischen und evangelischen Theologie sagt: So etwas gibt es heute nicht mehr. Die Bibel lügt zwar nicht, wenn sie solche Sachen erzählt. Aber solche Wunder gab’s nur damals, als die Kirche noch jung war. Seitdem hat das aufgehört, und das gibt’s erst wieder, wenn das Reich Gottes kommt und Himmel und Erde neu werden.  

Das ist die klassische Antwort. Aber heute gibt es auch andere Christen. Die sagen: Nein, die Wunderkraft, die dem Petrus geschenkt war, die kann man auch heute von Gott erbitten. Man muss es nur ausprobieren. Der Heilige Geist ist heute genauso lebendig wie damals. Man muss ihn nur nutzen, dann wird man was erleben! Wir müssen Gott viel mehr zutrauen!  

Das ist eine relativ junge Bewegung in der Kirchengeschichte. Sie entstand vor gut 100 Jahren unter den Schwarzen in Amerika und bereitet sich seither rasend schnell aus, vor allem unter den Armen, in den Ländern der Südwelt. Das ist die Pfingstbewegung. Die heißt deshalb so, weil diese Christen sagen: Pfingsten passiert auch heute. Mit allen Folgen, die in der Apostelgeschichte erzählt werden.

Mir ist diese Haltung sehr vertraut. Ganz viele Christen in China denken so. Und in Afrika. Auch im Ruhrgebiet, die Christen, die aus Afrika zugewandert sind und sich in fremdsprachigen Gemeinen engagieren. Da finden Sie das.

Aber lassen Sie uns erst noch einmal in den Bibeltext gucken. Wir müssen genau hinsehen.

Wir hören da von einem Bettler am Tempeltor, der nicht laufen kann. Aber das reicht dem Erzähler noch nicht. Er sagt es genauer: Der Bettler ist gelähmt von Mutterleibe an. Der ist zeit seines Lebens noch nie einen Schritt gegangen. Der hat überhaupt keine Erinnerung, wie sich das anfühlt, wenn man laufen kann. Das ist also, biographisch gesehen, die ultimative, die totale Lähmung.

Den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, damit er um Almosen bettelte. Der hatte also auch keinen Beruf, wegen seiner Behinderung. Zur Schule gegangen ist er nie. Der hat nie etwas gelernt. Zu seinem körperlichen Gebrechen kam also die ökonomische Misere. Es gab für Leute wie ihn keine geschützten Werkstätten, und Integration gab’s erst recht nicht.

Der hatte auch keinen Rollstuhl, nicht mal ein Brett auf vier Rädern, auf dem er sich mit den Armen hätte fortbewegen können. Man musste ihn zum Tempel tragen und ihn da, im Staub des Straßenrandes, absetzen. 

Gemeinhin waren Lahme, Blinde und Stumme stigmatisiert, und ihre Familien gleich mit. Sie galten als verflucht. Einen Behinderten in der Familie zu haben, galt als Schande.  

Da sitzt er nun im Dreck und bettelt, und er sieht nur vorübergehende Füße, den Saum der Mäntel, Eselshufe und die Räder der Karren. Stumm hält er die Hand auf. Petrus muss ihn erst auffordern: Sieh uns an! Anderen ins Gesicht schauen, das kennt er nicht. Mit niemandem verkehrt er auf Augenhöhe. Denn niemand hat ihn jemals liebevoll angesehen. Der Mann vegetiert nur, der ist wie tot.

Und dann ergreift die Macht Jesu von ihm Besitz. Petrus nimmt seine Hand, zieht ihn hoch. Und dann heißt es: Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest. Das passiert augenblicklich, ohne die geringste Verzögerung. Der Mann ist ja noch nie gelaufen. Eigentlich müsste er das Gehen jetzt erst einmal lernen, ganz vorsichtig, mit wackligen Schritten, langsamer noch als die Kleinkinder, die das ja auch erst umständlich lernen müssen. Nein, unser Bettler, so lesen wir, sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

 

Wissen Sie, was da erzählt wird, das ist nichts Weniger als eine Auferstehung. Vom Tod zum Leben, zum vollen, glücklichen Leben. So unerklärlich und urplötzlich, wie Jesus selber auferstanden ist, am Ostermorgen, wie der Blitz aus heiterem Himmel.

Und es ist sicher kein Zufall, dass Petrus dann, mit diesem tanzenden Gelähmten an seiner Seite, von Jesu Auferstehung erzählt. Die Leute im Tempel laufen ja zusammen, sind ganz fassungslos, und Petrus gibt Rechenschaft. Und dann sagt er: Ihr habt ihn getötet, aber Gott hat ihn auferweckt von den Toten, und wir, die Apostel, sind die Zeugen. Das sagt Petrus über Jesus. Aber stimmen tut es auch im Blick auf den lahmen Bettler: Ihr habt ihn getötet, aber Gottes Geist- und Schöpferkraft hat ihn auferweckt von den Toten. Und ihr, die Tempelbesucher, seid die Zeugen.

Verstehen Sie: Der Mann hatte doch nur lahme Füße. Aber die Anderen, die haben ihn ausgegrenzt, im Dreck sitzen lassen, mit Kupfermünzen abgespeist, um dann zu sagen: Wird schon seinen Grund haben, warum der Himmel ihn so straft. Auf diese Weise haben sie ihn erst um seine Würde und dann um eine lebenswerte Existenz gebracht.  

Nur Petrus und Johannes, die machen es anders. Die bringen ihn mit der Lebenskraft Jesu in Kontakt: aus dem Tod ins Leben, in der Kraft von Ostern.

Merken Sie? Was uns hier erzählt wird, das ist das maximale Wunder, größer geht es nicht. Und deshalb habe ich immer Schwierigkeiten, wenn mir Christen aus der Pfingstbewegung sagen: Was die Bibel erzählt, das erleben wir bei uns in der Gemeinde auch, das kennen wir aus persönlicher Erfahrung. Wer so redet, finde ich, der macht die Bibel kleiner als sie ist und er muss das eigene Erleben kräftig aufbauschen.

Und dennoch haben die Pfingstchristen auch irgendwie Recht. Es gibt Wunder, große und kleine Auferstehungen, und jede soll man erzählen, weil das ermutigt, weil das die Richtung anzeigt, in die es nach Gottes Willen geht.  

Fürchten wir uns auch nicht davor, mit körperlichen Wundern zu rechnen. Die Bibel ist meist ganz materiell und physisch drauf. Auch in unserer Geschichte: Seine Füße und Knöchel wurden fest.

Ist das nicht schön, dass Gott sich so akribisch um die Füße kümmert, für jeden ihrer Knöchel sorgt, für Bänder und Muskelfasern? Warum sollte er es auch nicht tun? Er hat doch alle diese Dinge geschaffen. Kein Haar fällt von meinem Haupt, ohne dass Gott es will, so sagt’s die Bibel. Mit jeder Zelle meines Körpers geht Gott ganz liebevoll um.

Sehen Sie: Diese physische Seite des Glaubens, von der verstehen die Pfingstchristen eine Menge. Und ich finde, wir sollten den christlichen Glauben nicht unnötig vergeistigen. Gott im Himmel und unser Körper auf Erden hängen aufs Engste zusammen.

Zum Schluss meiner Predigt möchte ich Ihnen eine Heilungsgeschichte erzählen, die ich gerade neulich gehört habe. Nicht von Chinesen, nicht von Afrikanern, sondern von einer deutschen Studentin, einer jungen Frau Anfang 20.  

Ich war mit einer Gruppe von Studierenden im Wochenendseminar zusammen. Da ging es teilweise auch recht persönlich zu, und an einem Punkt fragte eine Teilnehmerin ganz schüchtern, ob sie mal erzählen dürfe, wie sie zum Glauben gekommen sei. Und sie erzählte, wie sie mal als Teenager einen schweren Unfall hatte, mit Verbrennungen dritten Grades an beiden Armen, an Brust und Schultern. Sie lag in der Klinik mit Schmerzen und großer Angst.

Da kam eine Klassenkameradin zu Besuch und sagte, sie glaube an Jesus, der könne heilen, man könne ihn im Gebet darum bitten. Die Patientin kannte Jesus nicht. Ihre Mutter war konfessionslos, ihr Vater Muslim. Aber sie dachte, schaden kann’s ja nicht, und erlaubte der anderen zu beten.

Erst mal passierte nichts. Aber in der Nacht musste sie immer an dieses Gebet denken, und sie wollte ja gesund werden, und sie haderte mit ihrem Schicksal und wurde richtig wütend und dachte: „Wenn es dich wirklich gibt, Jesus, dann zeig doch mal, was du kannst, dann zeig’s aber richtig, sonst kann man dich ja nur vergessen.“

Und wieder passierte nichts. Aber als am nächsten Morgen die Schwester kam, um die Verbände zu wechseln, da war keine Spur von den Verbrennungen mehr zu erkennen. Die Haut war wie neu, alles gesund. Die Ärzte sprachen waren verwirrt und sprachen von gutem Heilfleisch.

Die junge Dame ließ sich taufen, und heute studiert sie Theologie, um eines Tages vielleicht Pfarrerin zu werden.

Sie hat nur ein Problem. Diese Geschichte, die ihr so wichtig ist und die ihr Leben verändert hat, die mag sie kaum noch erzählen. Denn fast immer, wenn sie’s tut, erklären die Leute sie für bescheuert. Oder zumindest sind sie peinlich berührt, lächeln krampfhaft und verstummen.

Dabei haben wir’s doch vorhin noch in Psalm 103 gelesen:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen.

Wer wollte sich da nicht mitfreuen?

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  

 

Nach oben