Aktuelles
Aktuelles
Liturgischer Kalender
Gottesdienste
Schutzkonzept Gottesdienste
OnLine-Gottesdienst aus Essen
Offene Kirche
Gemeindebrief
An(ge)dacht
Predigten
Ausblick: Nachbargemeinden
Wir über uns
Pfarrer
Lebensbegleitung
Gottesdienste
Kirchenmusik
Treffpunkt Gemeindezentrum
Faire Welt Laden
Engagement
Familien
JIB - Jugendeck
Freizeiten
Kontakt
Impressum
Datenschutz
SUCHE
Sitemap
Guten Abend, heute ist der 06. 06. 2020
Sie sind hier: Predigtansicht  » 

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau: Predigt am 18. März 2018

Segen aus dem Land des Mangels: Eine Predigt über Abraham

© johnny b  / pixelio.de

© johnny b / pixelio.de

Segen aus dem Land des Mangels: Eine Predigt über Abraham

am 18. März 2018 (Sonntag Judika)

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau
 

Liebe Gemeinde,

hat jemand von Ihnen heute zufällig Geburtstag?  Im Chor singen wir für alle, die seit der letzten Probe Geburtstag hatten, den bekannten Kanon: Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Freude sei auch mit dabei.“

Viel Glück und viel Segen: Das singen wir in einem Atemzug. Als wenn es so ungefähr dasselbe wäre. Auf allen Grußkarten: Glück- und Segenswünsche, als wären es zwei Seiten derselben Medaille. Aber ist das wirklich so?

Diese Frage ist uns neulich in unserem biblischen Lektüreprojekt aufgestoßen. Da haben wir, an vier Abenden, die Erzählungen über Abraham gelesen. Und an zwei weiteren Abenden hat eine kleine Gruppe weitergearbeitet. Gemeinsam haben wir diese Predigt vorbereitet. Auch wenn ich hier allein auf der Kanzel stehe: Hinter mir stehen unsichtbar sieben weitere Menschen, die mitgeholfen haben, dass Sie heute eine Predigt über den Erzvater Abraham zu hören bekommen.

Abraham, der Erwählte, der Gesegnete Gottes. Aber, so haben wir uns gefragt: Hatte er deswegen ein schöneres Leben als wir? Hat Gottes Segen ihn glücklich gemacht?

 

Am Anfang klingt alles so verheißungsvoll, irgendwie festlich:

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.      

Liebe Gemeinde, fünf Mal kommt hier das Wort Segen bzw. segnen vor, in diesen wenigen Sätzen. Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Großer Aufbruch ist das, ein schwungvoller Start. Jeder Jungunternehmer hätte seine Freude dran. Bei so viel Segen, da stehen uns die blühenden Landschaften im gelobten Land doch quasi schon vor Augen. 

Wir lesen und stellen uns vor, wie Abraham sich aufmacht, mit seiner Frau Sara, mit seinem Neffen Lot, mit all ihrer Habe, mit Zelten und Kästen und Packtieren und einer Herde von Schafen und Ziegen. Leute ziehen mit, die zu ihnen gehören, Knechte und Mägde, das ganze Personal.

Sie kommen ins Land Kanaan, als Nomaden finden sie ihre Weideplätze, lagern in Sichem, ziehen weiter ins Bergland bei Bethel. Und auf einer dieser Hügelkuppen, irgendwo zwischen dem Mittelmeer im Westen und der Jordanwüste im Osten, da hört Abraham wieder diese Stimme: Deinen Nachkommen will ich dies Land geben.

Und Abraham schichtet einen Erdhaufen auf, fasst ihn mit Steinen ein, legt ein Tier darauf, schlachtet und isst und sagt seinem Gott Danke.  

Aber dann: Was für eine Enttäuschung! Was für ein Schlag ins Wasser! Erst wenn man die Dinge mal wirklich im Zusammenhang liest, fällt einem das auf: die Dramaturgie des Ganzen. Nur wenige Sätze weiter, fast unmittelbar nach dieser vollmundigen Segenszusage und dieser großzügigen Landverheißung: Da kommt der Hammer. Da bricht alles in sich zusammen, und das Feuer der Begeisterung erlischt.  Wir lesen:

Es kam aber eine Hungersnot in das Land. Da zog Abraham hinab nach Ägypten, dass er sich dort als ein Fremdling aufhielt; denn der Hunger war groß im Lande.

Ja, liebe Gemeinde: Hunger im verheißenen Land, gleich zweimal wird’s gesagt, damit wir’s auch kapieren. Nicht Kohldampf, nicht Lebensmittelknappheit, sondern Hunger, der so bedrohlich wird, dass man ins Exil geht, um sich und die Sippschaft durchzubringen.

Ich habe sowas im Entferntesten nicht erlebt. Und Abraham und Sara hatten das auch noch nie erlebt. Überlegen Sie mal, wo die herkamen! Die hatten in Ur in Chaldäa gewohnt, später in Haran. Die kamen aus Mesopotamien, der Schwemmlandebene zwischen Euphrat und Tigris. Die kamen aus dem Überfluss, aus der Hochkultur, aus einem entwickelten und zivilisierten Land. 

Da war der Abraham rausgerufen worden, um nach Kanaan zu ziehen. In ein Dritte-Welt-Land sozusagen, wo das Wasser knapp war und man sich um Brunnenrechte stritt, ein ethnischer Flickenteppich schlimmer als auf dem Balkan, politisch zerrissen, wo lokale Dorfkönige ständig miteinander im Krieg lagen, und wo Abraham mittendrin umherirrte, schutzlos und rechtlos. Als Migrant hatte er keine Protektion, er gehörte ja zu keinem der  alteingesessenen Clans.  

Die Texte der Bibel zeigen das brutal realistisch. Wir müssen nur mal die Lesebrille abnehmen, die wir immer noch vom Kindergottesdienst her aufhaben.

Wir kennen Kanaan als das Land, wo Milch und Honig fließt, das ist schon sprichwörtlich. Da denken wir an paradiesische Zustände: Milch und Honig, Wahnsinn, was für ein Luxus, denken wir, da musste sich der Abraham doch glücklich schätzen.

Aber das Gegenteil war der Fall! Milch, das hieß: Von Zeit zu Zeit kamen ein paar Nomaden mit ihren Ziegen oder Schafen vorbei. Diese Kleintiere waren so genügsam, dass sie immer noch ein bisschen Gras fanden und die letzten grünen Dornbüsche anknabbern konnten und auf diese Weise Milch produzierten.    

Honig, das hieß: Von den freilebenden Bienen konnte man wilden Honig beziehen. Denken Sie an Johannes den Täufer: Der aß wilden Honig als Eremit in der Wüste.

Karg war das Land Kanaan, ökologisch heruntergewirtschaftet. Ein Garten Eden war es wahrhaftig nicht. Kein Nil, kein Euphrat. Wenn es im Winter nicht genug regnete, bestand ständig Gefahr schlechter Ernten im Sommer. Und wenn man das Land zu stark nutzte, konnte es sich schnell in eine Wüste verwandeln.  

Auch war die Gegend tendenziell überbevölkert. Immer wenn’s kritisch wird in der Geschichte, erinnert die Bibel daran: Es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Land. – Oder: Es wohnten auch die Kanaaniter und Perisiter im Land.  

Da passt die Hungersnot voll ins Bild. Das gelobte Land war ein Land des Mangels. Kaum ist Abraham angekommen, da kann es ihn gar nicht ernähren, und der Immigrant wird zum Wirtschaftsflüchtling.

Kennen Sie das Gefühl? Sie glauben einer Berufung zu folgen. Eine Tätigkeit, die Ihren Gaben entspricht. Sie werfen sich voll rein, lassen alles andere hinter sich, von hier aus wollen Sie die Welt verändern. Nur um dann festzustellen: Der Job kann mich gar nicht ernähren! Die Stelle ist auf Dauer ja gar nicht gesichert! Oder das Konzept ist falsch gestrickt, es läuft alles ins Leere.

Fast alle von uns in der Vorbereitungsgruppe haben sowas schon irgendwie erlebt. Gerade die Alt-68er. Jung und idealistisch wollten sie die Welt verändern. Wurden Lehrer, gingen an die neu gegründete Gesamtschule in Bottrop, waren links und grün und kämpften für Integration.

Und dort holte die Wirklichkeit sie ein, das verheißene Land war karg und steinig. Viele verloren den Mut, manche wurden krank, andere zynisch und sagten: „Wir sind gescheitert, es war der falsche Weg, Integration geht sowieso nicht.“ Und mancher von denen wählt jetzt AfD. Glauben Sie mir, ich kenne solche Menschen, auch in unserem Stadtteil.

Ist Abraham nicht krank geworden? Und nie zynisch? Was hat ihn durchhalten lassen?

Wie oft mag Abraham sich mit seinem Bruder verglichen haben. Nahor war in Mesopotamien geblieben, in geordneten Verhältnissen, mit sicherem Auskommen, freute sich an Söhnen und Enkeln. War Nahor nicht viel glücklicher als Abraham? Und Abraham soll der Gesegnete sein? Sein Leben sieht doch eher wie eine Passionsgeschichte aus!

Ja, liebe Gemeinde, vielleicht ist genau das der Punkt. Gottes Segensgeschichte beginnt als Passionsgeschichte. Gott schickt seine Leute da hin, wo es ungemütlich ist, wo es gar nicht nach Segen aussieht. Auf dürre Weide ist Abraham berufen. Aber das Ziel ist, dass die Wüste zum Blühen kommt.

Das geht nicht von heute auf morgen. Gott hat einen langen Atem. Abrahams Nachkommen gibt er seine Weisungen, die Sabbatordnung. Ruhetage für Menschen und Vieh. Alle sieben Jahre ein Ruhejahr für den Acker. Damit das Kulturland sich erholen kann und es die Menschen nachhaltig ernährt.

Gott gibt seinem Volk eine Sozialordnung des Friedens. Kleinbäuerliche Landverteilung, mit unverkäuflichen Bodenrechten. Damit der Mensch den Boden liebevoll pflegt und mit Hingabe bewirtschaftet.

So soll aus dem steinigen Boden fruchtbares Land werden, aus dem Fluchacker des Sündenfalls: gesegnete Erde.

Und Spuren des Segens, die zeigen sich schon zu Abrahams Lebzeiten. Da wo Streit ist, schließt er Verträge. Mit Menschen anderen Glaubens sucht er demütig Verständigung. Und wo die Bosheit grassiert, da bittet er Gott um Nachsicht und Vergebung.

So werden Fluchkreisläufe unterbrochen und in Kreisläufe des Segens verwandelt. Und dabei mitzutun, dazu sind wir alle berufen, alle die Abrahams Kinder sind. Das dürfen wir wagen, das traut Gott uns zu. Weil er selbst den Passionsweg beschritten hat in Jesus Christus. Weil er in Christus den Bann des Bösen endgültig gebrochen hat. Den negativen Spin des Fluches hat er verwandelt in den positiven Spin des Segens. Seither ist Segen im Aufwind, Segen trägt und multipliziert sich, da können wir einsteigen.   

Ob Abraham das alles schon geahnt hat? Ob er das dem Land schon irgendwie angesehen hat, als Vision des Glaubens? Abraham vertraute dem Herrn, so lesen wir’s, und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an.

Und wer weiß denn, was der Alt-68er aus Bottrop, der enttäuschte Lehrer: was der in Wirklichkeit alles gesät hat an Segen? Saat, die erst noch aufgehen wird, Frucht, die jetzt noch unscheinbar ist, und doch schon real und wirkmächtig. 

Vielleicht ist Segen ja noch etwas anderes als Glück. Sind es nicht die Lasten, die dem Leben Gewicht geben? Zeigt Gott uns nicht gerade damit, was er uns zutraut? Wie viel er von uns hält? Wenn Gott jetzt gerade Sie berufen hätte, ein Segensbrunnen zu werden! Weil er nicht nur Sie allein segnen will, sondern durch Sie noch so viele andere! Und wenn die Lasten, unter denen Sie jetzt seufzen, nur davon ein Symptom sind! Weil Sie nämlich unter der Verheißung stehen.

Ich meine, könnte das nicht sein? Jesus hat gesagt: Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Lebe verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Nach oben