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Guten Tag, heute ist der 20. 09. 2019
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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau Predigt am 14. Juli 2019 „Ein Prophet mit zweifelhafter Eignung“

Erste von drei Predigten über das Buch Jona

© Dieter Schütz /pixelio.de

© Dieter Schütz /pixelio.de

„Ein Prophet mit zweifelhafter Eignung“

Erste von drei Predigten über das Buch Jona

 am 14. Juli 2019 (Vierter Sonntag nach Trinitatis)

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

 

 

Liebe Gemeinde,

Gott hat etwas vor. Gott will die Stadt Ninive retten. Gott will, dass die Leute in Ninive überleben. Aber dazu müssen sie sich ändern. Sie müssen sich vom Bösen abwenden und aufhören, sich mit ihrem Lebensstil ihr eigenes Grab zu schaufeln. Kurz, Ninive muss Buße tun.

 

Ninive ist nämlich eine gottlose Stadt. Allein ihr Name verbreitet Schrecken. Ninive, die Hauptstadt der Großmacht Assyrien, die ihre Nachbarvölker unterjocht. Ninive, das klingt wie Moskau zu Stalins Zeiten. Oder wie Sodom und Gomorrha, voller Bosheit und Fremdenhass.

 

Und Ninive soll jetzt gerettet werden. Gott will die Stadt eben nicht mit Feuer und Schwefel zerstören, sondern begnadigen.

 

Dazu muss Gott jemand hinschicken, einen Propheten, der Ninive den Spiegel vorhält. Dafür sucht Gott sich Jona aus, einen Mann aus Israel, aus Gottes eigenem Volk.

 

Das ist die Grundidee der Geschichte. Eine kleine fiktive Erzählung, aufgeschrieben von jüdischen Gelehrten gut 300 Jahre vor Jesus von Nazareth. Eine Story voller Scherz, Satire und Fantastereien, aber mit tieferer Bedeutung.

 

Die Geschichte beginnt schnörkellos. Ohne jede Einleitung kommt sie direkt zur Sache. Ich lese die ersten Sätze:

 

Und das Wort des HERRN erging an Jona, den Sohn des Amittai: Mach dich auf, geh nach Ninive, in die große Stadt, und rufe gegen sie aus, denn ihre Bosheit ist vor mir aufgestiegen. Jona aber machte sich auf, um vor dem HERRN nach Tarsis zu fliehen. Und er ging hinab nach Jafo und fand ein Schiff, das nach Tarsis fuhr. Und er zahlte sein Fährgeld und stieg hinab in das Schiff, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weg vom HERRN.

 

Liebe Gemeinde,

die Geschichte hält sich nicht auf mit der Frage, wie Jona denn genau die Stimme Gottes vernommen hat. Jedenfalls hat er sie gehört, und zwar so deutlich und so dringlich, dass er darüber in Panik gerät. „Mache dich auf!“, sagt Gott.

 

Und Jona macht sich auf, aber leider in die Gegenrichtung. Ab nach Tarsis. Das lag in Spanien und galt als das westliche Ende der Welt. Nur weg von Gott, nur weg von Ninive. Nach Tarsis, Tarsis, Tarsis. Dreimal wird das Ziel der Flucht genannt, in atemloser Eile, man hört geradezu, wie Jona sich abhetzt, runter nach Jafo, in den Hafen, und dann runter ins Schiff, in den Laderaum, ins Dunkle, wo der Himmel nicht hinschaut.

 

Neulich hat der Predigtworkshop schon mal getagt und sich Gedanken gemacht über diese Geschichte. Und man bezweifelte, dass Jona für seinen Auftrag überhaupt geeignet ist. Sowohl charakterlich wie von seiner theologischen Bildung her: Jona erweist sich als mangelhaft.

 

Vor Gottes Auftrag weglaufen! Das ist feige und kleingläubig. Für einen Propheten geht das nicht. Und überhaupt: Als ob man vor Gott einfach weglaufen könnte. Als wenn der Gott Israels so ein kleiner Stammesgott wäre, dessen Herrschaft sich auf Israel und seine Umgebung beschränken würde. Hat Jona denn nicht Psalm 139 gelesen?

 

Wohin könnte ich fliehen vor deinem Angesicht, heißt es da, wir haben es eben noch mal gelesen. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer – würde ich also mit dem Ostwind im Rücken bis an die westliche Kante der Erdscheibe, bis ans Ufer des Urmeeres fahren – so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Weiß Jona das nicht? Hat er im Konfirmandenunterricht nicht aufgepasst? Und so einen beruft Gott zum Propheten?

 

Hat Gott mit Jona vielleicht einen schlechten Griff getan? Sehen Sie, das ist das Problem: Wenn das Personal sich als ungeeignet erweist, dann wirft das auch ein schlechtes Licht auf den Personalchef.

 

Da kam mir der Gedanke: Vielleicht geht es Gott ja genauso wie Konrad Adenauer. Die Älteren erinnern sich: der erste Kanzler der Bundesrepublik nach dem Krieg. Der wurde oft für seine Personalentscheidungen kritisiert: „Wen haben Sie sich denn da schon wieder ins Kabinett geholt!“ Dann pflegte Adenauer zu sagen: „Ich muss mit den Menschen arbeiten, die da sind; andere jibbet nich.“

 

Und vielleicht ist genau das ja Gottes Problem: Er muss mit den Menschen auskommen, die da sind, andere jibbet nich.  

 

Hätte ich’s denn besser gemacht als Jona? Oder Sie vielleicht, wären Sie mutiger gewesen? In Ninive predigen! Wer glaubt denn so was: dass die Leute in Ninive auf Gott ansprechbar sind! Dass auf der Achse des Bösen das Gute sich durchsetzt, dass die Herzen der Spötter weich werden! Dass die Hardliner dieser Welt sich bekehren und die Söhne der Ölscheichs Gottes Gebote lernen! Da würde ja der Weltfrieden ausbrechen!

 

Das ist alles jenseits von Jonas Vorstellungskraft. Aber Gott glaubt daran. Gott glaubt an die Leute von Ninive, mit utopischer Kraft.

 

Und Gott glaubt auch an Jona. Jona muss mitmachen, wenn Gott die Welt rettet. Gottes Volk muss dabei sein, wenn er Heilsgeschichte macht. Auch wenn das total ineffizient ist und alles so schräg und verquer läuft wie in der Jona-Geschichte. Diese Umstände! Der Seesturm auf dem Mittelmeer. Der große Fisch, den Gott extra erschaffen muss, mit möbliertem Bauch und Klimaanlage. All diese Sachen.

 

Immerhin, und das ist der Clou: Die Sache gelingt. Zusammen mit Jona kommt Gott ans Ziel. Ninive kehrt um. Die Stadt wird verschont. Das Leben siegt. 

 

Ohne Jona würde Gott das nicht wollen. Und er will es auch nicht ohne uns hier in der Gemeinde. Jeder und jede hier ist Gott wichtig. Auf niemandes Anteil will er verzichten, egal wo: im Presbyterium, in der Kirchenmusik, im Küsterteam, in all den Aufgabenfeldern. Und die zwei Pfarrer hier schleift Gott auch mit. Wir sind, wie wir sind. Kleingläubig wie Jona, bequem und ohne große Vision, immer bereit uns zu entziehen. Andere jibbet nich.

 

Na und? Kann Gott das aufhalten? Vielleicht hat er noch Großes mit unserer Kirche vor. Vielleicht will er unserer Stadt noch mal so richtig neues Leben einhauchen. Vielleicht ist die Wende schon näher als wir ahnen, die Umkehr zum Leben, der Mauerfall, was immer.

 

Mit Jona hat Gott das hingekriegt. Glauben Sie bloß nicht, Gott könnte das nicht auch mit uns! Egal wie alt wir sind. Oder wie wenig. Und auch egal, wer als nächster Pfarrer kommt.   

 

Nein, Gott hat mit unserer Gemeinde noch viel vor, gemeinsam mit uns allen wird er ans Werk gehen. Niemanden von uns wird er auf der Strecke lassen. Dazu sind wir ihm einfach viel zu lieb und zu teuer.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus. Amen.

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