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Guten Abend, heute ist der 23. 10. 2019
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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau Predigt am 13. Januar 2019

„Gottes Liebesbrief im Kasten“

© Helene Souza / pixelio.de

© Helene Souza / pixelio.de

„Gottes Liebesbrief im Kasten“

Predigt am 13. Januar 2019 (Erster Sonntag nach Epiphanias)

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

 

Liebe Gemeinde,

seit Anfang des Kirchenjahres haben wir einen neuen Predigtkalender, und der Predigttext, der für heute vorgesehen ist, ist neu hineingekommen. Über den ist von dieser Kanzel wahrscheinlich noch nie gepredigt worden. Heute ist also Premiere.

Der Text ist aus dem Alten Testament, dem Buch Josua, dem dritten Kapitel, die Verse 5 bis 17. Es ist ein kleiner, aber wichtiger Abschnitt aus einer großen fortlaufenden Erzählung.

Die hebräischen Sklaven waren aus Ägypten geflohen und am Berg Sinai Gott begegnet. Mose brachte ihnen zwei Steintafeln vom Berg, darin eingemeißelt die zehn Gebote. Die wurden in einen Holzkasten mit Tragstangen gelegt, die Bundeslade. Die wurde immer mitgeschleppt, wohin die Leute auch zogen.

Schließlich, 40 Jahre später, lagerte das Volk östlich des Jordanflusses. Mose war gerade gestorben. Der neue Anführer hieß Josua. Er war ganz anders als Mose. Nicht so impulsiv und von sich selbst überzeugt. Eher schüchtern, zaghaft.

Die Nachfahren der Sklaven waren jetzt fast im gelobten Land angekommen. Nur der Jordan, der Grenzfluss, musste noch überwunden werden. Aber nirgendwo gab es eine Brücke. Und eine Fähre war auch nicht in Sicht. Ich lese:

Und Josua sprach zum Volk; Heiligt euch, denn morgen wird der Herr Wunder unter euch tun. Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der Herr sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen.

 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des Herrn, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist […]: Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. So nehmt nun zwölf Männer aus den Stämmen Israels, aus jedem Stamm einen. Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des Herrn, des Herrn der ganzen Erde, tragen, in dem Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall.

Als nun das Volk aus seinen Zelten auszog, um durch den Jordan zu gehen, und die Priester die Bundeslade vor dem Volk hertrugen, und als die Träger der Lade an den Jordan kamen und die Füße der Priester, die die Lade trugen, ins Wasser tauchten – der Jordan aber war die ganze Zeit der Ernte über alle seine Ufer getreten -, da stand das Wasser, das von oben herniederkam, aufgerichtet wie ein einziger Wall […]. So ging das Volk hindurch gegenüber von Jericho. Und die Priester, die die Lade des Bundes des Herrn trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

 

Liebe Gemeinde,

schon seit Tagen stand dieses Päckchen bei uns im Wohnungsflur. So ein kleiner Karton. Normalerweise stört mich so etwas und ich sorge dafür, dass aufgeräumt wird. Aber es war die Woche vor Weihnachten, und da soll man nicht neugierig sein. Könnte ja ein Geschenk sein, vielleicht sogar eins für mich. Also ließ ich den Karton stehen.

Dann kam Weihnachten, es war erster Feiertag, die Bescherung war längst vorbei, und der Karton stand immer noch da. Ich frage meine Frau: „Was ist das eigentlich für ein Karton, der seit Tagen da draußen rumsteht?“

 „Ach der“, sagt sie. „Den hat neulich meine Schwester vorbeigebracht. Sie hat gefragt, ob ich den haben will. Das sind die letzten Sachen meiner Mutter.“

Seit drei Jahren ist meine Schwiegermutter schon tot. „Ihre letzten Sachen“: das sind die, die noch im Zimmer ihres Altenheims auf dem kleinen Regal standen. Die bei allen Umzügen mitkamen, an denen sie bis zuletzt festgehalten hat.

Jetzt machen meine Frau und ich den Karton auf und sehen nach. Es war hauptsächlich ein großes Album drin, ein ziemlich abgewetztes Fotoalbum. Bilder aus Studententagen, als meine Schwiegereltern noch nicht verheiratet waren. Mit launigen Kommentaren dazwischen. Offenbar ein Geschenk der Freunde zu ihrer Verlobung.

Und ganz vorn, später hineingelegt, ein besonderer Brief. Von dem Vikar Hans Währisch in Berlin an die Studentin Elisabeth Busch in Göttingen, datiert am 1. Mai 1956.

In diesem Brief hält er um ihre Hand an, bittet um ihr Ja-Wort. War wohl schon einmal abgeblitzt bei ihr, lässt aber nicht locker. Ein ganz süßer Brief das, schnörkellos, aber liebevoll und sehr witzig geschrieben.

Ihr Antwortbrief liegt nicht dabei. Aber wir wissen, dass sie ihn damals erhört hat, sonst gäb’s meine Frau ja nicht.

Zeitungsartikel sind auch hineingeschoben. Allesamt von der Verabschiedung ihres Vaters: Pfarrer Wilhelm Busch geht in den Ruhestand, 1962. Festreden, Rückblicke, lobende Worte von Stadt und Kirche.  

Dieses Album, dieser Karton: Das war die Schatzkiste meiner Schwiegermutter. Wo sie herkam und wie es anfing, die beiden wichtigsten Männer ihres Lebens - ihr Vater und ihr Ehemann.

Nun gut, als Frau definierte sie sich über die Männer, es war ja die patriarchalische Adenauer-Zeit. Aber sie war der Augenstern dieser Männer. Und beide waren sie bekannte und geschätzte evangelische Pfarrer. Sie standen für die Werte und Maßstäbe, die auch ihr Leben bestimmten.

Wie oft mag meine Schwiegermutter in diesen Karton hineingeschaut haben? In Krisenzeiten vielleicht. Wenn sie Trost brauchte, sich vergewissern musste, wer sie eigentlich war, wo sie herkam, was sie wert war. Und noch als sie in ihrem Zimmer im Altenheim starb, stand dieser Karton nur zwei Meter neben ihrem Bett.

Viele Menschen haben solch eine Schatzkiste. Auch Gruppen von Menschen. Ganze Nationen. Gründungsurkunden. Dokumente, die Identität stiften.

Auch das Volk Israel hatte so etwas. Das war die Bundeslade. Ein Kasten aus Akazienholz. Der zog immer mit, seit der Gottesbegegnung am Berg Sinai. Wenn es schwierig wurde, gab er Trost und Sicherheit. Wenn sie umzogen. Wenn sie in fremdes Land kamen. Wenn es galt, Hochwasser führende Flüsse zu durchqueren.

In dem Kasten lagen zwei Steintafeln, so erzählt es die Bibel, und auf den Tafeln die zehn Gebote. „Ich bin der Herr dein Gott. Ich habe dich aus Ägypten herausgeführt, ich habe dich aus der Sklaverei befreit.“ So stand es über den Geboten, das war die Präambel.

Das war Gottes Liebesbrief an sein Volk. Das war wie ein Liebesbrief vom Vater und vom Verlobten gleichzeitig, mindestens.

Diesem Gott verdankte Israel seine Freiheit, seine ethischen Werte. Ihm hatte Israel sein Ja-Wort gegeben. Mit dieser Erinnerung, mit dieser Schatzkiste erlebte Israel immer wieder Wunder, auch jetzt wieder: Trockenen Fußes zog das Volk durch den Fluss, mit Frauen und Kindern und Gepäck. Wie schon damals, auf der Flucht aus Ägypten. Trockenen Fußes durch das Schilfmeer. Und die bewaffneten Verfolger kamen darin um.

Später stellte man die Bundeslade in den Tempel, ins Allerheiligste. Da war sie wie eingemauert, geriet sie den Leuten aus dem Blickfeld. Ja, generationenlang wurde sie sogar vergessen. Der Gott mit seinem Liebesbrief, keiner wollte ihn mehr lesen, er wurde den Leuten egal.

Und Gott beginnt zu klagen. Wie ein verwaister Vater fühlt er sich. Aus Ägypten rief ich meinen Sohn. Aber der Sohn, das Volk, will nichts mehr davon wissen. Nichts von dem Wunder am Schilfmeer, nichts vom Wunder am Jordanfluss, heute baut man doch Brücken! Wozu brauchen wir Gott?

Ja, Gott hat ein Problem, mit seinem jüdischen Volk, mit seinem christlichen Volk, immer dasselbe. Gott fühlt sich regelrecht im Stich gelassen. Auch Jesus erzählt davon, im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Wo der Vater um den weggelaufenen Sohn trauert, wo er jeden Tag auf den Hügel geht und zum Horizont schaut, ob er nicht doch wieder zurückkommt. Der ein Fest veranstaltet, als der Sohn schließlich heimkehrt. Egal wie runtergekommen der ist. Dass er das Erbe durchgebracht hat, egal.

So ist Gott, wie ein Vater, der von seinem Sohn nicht lassen kann. Und zugleich wie ein Verlobter. Aber die Braut wird immer wieder untreu, macht anderen Männern schöne Augen.

Und Gott benimmt sich wie ein enttäuschter Liebhaber, schwankt hin und her zwischen zorniger Eifersucht und sehnsüchtiger Liebe. Schickt seine Propheten los, erinnert an die erste Liebe in der Wüste. Die Rettung aus Ägypten, das Ja-Wort am Sinai. Alles schon vergessen?

„Ach, wozu Rettung!“, sagen die Leute, sagen es damals wie heute. „Wir retten uns selber. Wir rüsten auf, schaffen uns Sicherheit. Mit Aktienfonds. Mit Waffen, wenn es sein muss. Mit den USA an unserer Seite.“

Die ganze Bibel ist ein einziger Ruf, ein Anschrei geradezu: Kehrt um! Zurück zu den Anfängen! Als alles noch unverdorben war. Geht zurück auf Los! Zurück in die Wüste, an den Jordan, als das gelobte Land noch vor euch lag! Fangt noch mal neu an!

So tönt es uns aus beiden Teilen der Bibel entgegen, aus Altem und Neuem Testament. Auch aus den Berichten über Jesus. Das ist doch kein Zufall, dass der Weg von Jesus am Jordan anfängt. Wir haben das eben in der Schriftlesung gehört (Markus 1, Verse 3 – 11).

Johannes der Täufer, der Prophet, der aus der Wüste kam. Wo er Gottes Stimme gehört hatte. Johannes legt die zehn Gebote aus, hart und klar sind seine Worte, wie gemeißelt.

„Du sollst nicht stehlen!“ Was heißt denn das? Johannes erklärt es den Leuten: „Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Und wer etwas zu essen hat, soll es mit jemand teilen, der hungert.“

Die Zolleinnehmer sprach Johannes gesondert an: „Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist. Missbraucht eure Macht nicht, um euch persönlich zu bereichern!“ Und den Soldaten rief er zu: „Hört auf mit Raub und Erpressung! Nutzt die Angst nicht aus, die die Leute vor euren Waffen haben! Gebt euch mit eurem Sold zufrieden!“

Wem das einleuchtete, der stieg ins Wasser, bis zur Hüfte, bis zur Brust. Auf dem Weg in ein neues Leben, ins ganz persönliche gelobte Land. Ließ sich untertauchen, ein Symbol des Sterbens. Ließ sich dann wieder herausreißen aus dem Wasser, nach Luft schnappend. Wie eine neue Geburt. Neues Leben, neues Glück. In der Nachfolge Gottes. Das war die Taufe der Buße.

Und dann stand da auf einmal Jesus. Auch er tief im Wasser, um sich taufen zu lassen. Warum er? Hatte er denn die Taufe nötig? War er denn nicht ohne Sünde? War er nicht von Anfang an der neue Mensch? Der wahre Mensch, so wie Gott ihn gemeint hatte, als er den Menschen erschuf?

Ja, gewiss. So glauben wir es als Christen. Warum also er im Jordan? Ich denke: Als Jesus da im Jordan stand, im Wasser, zwischen all den Menschen, die sich nach einem Neuanfang sehnten: Da war er die Bundeslade. Die göttliche Schatzkiste, die schon immer den Weg gewiesen hatte.   

Aber jetzt: keine Gebote aus Stein. Sondern auf Jesu Lippen, aus seinem Mund. Von ihm zugesprochen und auch gelebt: weich, flexibel und menschlich. Leben aus Gott, in Fleisch und Blut.

Das war Jesus, vom Tag eins seines Auftretens im Jordan an: Gottes Liebesbrief an uns. Mit dem er um unser Ja-Wort wirbt. Hartnäckiger noch als mein Schwiegervater um seine Elisabeth geworben hat.

Wo wir uns doch schon so oft verweigert haben. Wie viele Körbe musste Gott schon einstecken! Jesus bleibt dran: „Kehrt um! Jetzt ist die Zeit, wo’s passt. Das Reich Gottes ist ganz nah herbei gekommen!“

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