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Guten Abend, heute ist der 10. 04. 2020
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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau: Abschiedspredigt am 10. November 2019

„Liebt eure Feinde!“

„Liebt eure Feinde!“

Abschiedspredigt am 10. November 2019

(Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres)

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

Liebe Gemeinde,

als ich zwanzig Jahre alt war, ging ich zum Studium nach Göttingen. Ich wohnte zur Untermiete. Ein dreistöckiges Mietshaus, oben unterm Dach wohnte Familie Müller (die Namen sind heute alle erfunden), und ich teilte mit ihr das Bad und den Kühlschrank. So wohnte man damals als Student, ganz altmodisch, aber ich war froh, so ganz nah zur Uni etwas gefunden zu haben.

Allerdings, schon in der ersten Woche kam ein böses Erwachen. Ich saß gerade am Schreibtisch, da hörte ich aus dem Treppenhaus ein lautes Streiten. Dann ein Poltern auf der Treppe, Rufen. Ich gehe aus der Wohnung, will sehen, was los ist. Eine Tür knallt. Ich spähe vorsichtig übers Geländer nach unten.

Da steht ein Mann in Unterhemd und Hosenträgern, mit erhobener Faust, brüllt noch ein paar unflätige Ausdrücke und schleppt sich dann mit knarrendem Holzbein in seine Wohnung zurück, wirft die Tür hinter sich zu, dass die Scheiben scheppern.

Ich habe einen Riesenschreck. Fortan husche ich immer möglichst flott und geräuschlos durchs Treppenhaus, mit beklommenem Gefühl lese ich das Namensschild auf der Wohnungstür unter mir: Scheunemann.

Das Semester begann, ich hatte zu tun, und zu meiner Freude fand ich bald einen Posaunenchor, gleich bei der Kirche in der Nachbarschaft. Dem schloss ich mich an. Ich spielte nämlich damals Trompete, lang ist’s her, aber ich war richtig gut darin.

Aber gut bleiben kann man ja nur, wenn man regelmäßig übt. Ihr wisst, wovon ich rede. Der Ansatz geht sonst schnell verloren. Am besten wäre es doch, dachte ich mir, wenn ich in meiner Studentenbude auch blasen könnte.

Ich sprach also Frau Müller an, meine Vermieterin. Ich sah, wie ihre Gesichtszüge entglitten. Dann fing sie sich und sagte: „Na ja, also, ich selbst hätte ja nichts dagegen. Aber direkt unter Ihrem Zimmer, Herr Oblau, da wohnt das Scheusal. Das haben Sie ja sicher schon mitgekriegt. Das Scheusal ist unser Kreuz hier im Haus. Der würde das nie dulden, der würde hochgehen vor Zorn. Also das mit dem Blasen, das schlagen Sie sich besser aus dem Kopf.“

Tja, was sollte ich machen? Trompete spielen war mir so wichtig! Je länger ich drüber nachgrübelte, umso klarer wurde mir: Herr Scheunemann war meine einzige Chance, und wenn ich keine Angst hätte, dann würde ich zu ihm hingehen und die Sache direkt mit ihm klären. Aber ich hatte echt Angst. Ich war erst zwanzig, und außerdem ziemlich schüchtern.

Ich erinnere mich noch an meine weichen Knie, die ich hatte, als ich schließlich vor seiner Wohnungstür stand und auf die Klingel drückte.

Erst Stille, dann rumort es drinnen, ich höre Schritte, dann geht mit einem Ruck die Tür auf, und er steht vor mir, mit ausgebreiteten Armen und finsterem Gesicht, kampfbereit. So jedenfalls erinnere ich das.

Ich sage mein Sprüchlein auf. „Ich bin neu im Haus, Student, wohne jetzt über Ihnen bei Familie Müller, da wollte mich Ihnen mal vorstellen.“

Da huscht fast ein Lächeln über sein Gesicht, die Arme lässt er fallen und streckt mir die Hand hin: „Ach das ist aber nett. Kommen Sie doch rein, setzen Sie sich, hier aufs Sofa, wollen Sie was trinken, ein Glas Wasser, oder besser einen Korn, na ja, ist vielleicht noch zu früh für Sie.“

Wir kamen ins Gespräch, und schließlich brachte ich die Rede auf meine Trompete. „Och“, meinte er, inzwischen schon ganz leutselig, „da habe ich doch gar nichts gegen, ganz im Gegenteil, Musik ist doch schön, da hört man mal was, ist ja sonst alles tot hier im Haus.“

Und dann habe ich fröhlich geblasen, auf meiner Studentenbude, drei Semester lang. Und immer, wenn ich am Blasen war, hab ich gedacht: Kein Scheusal muss ewig eins bleiben.

Türen können sich öffnen, Menschen können sich ändern, sogar Mauern können fallen, wir haben’s doch erlebt. Der Feind von heute kann morgen schon dein Kollege sein.

Die Bibel ist voll solcher Geschichten. Mose, der Totschläger – den macht Gott zum Gesetzgeber für sein Volk. Paulus, der die frühen Christen verfolgt wie ein Großinquisitor – den macht Gott zum Apostel der Kirche. Zachäus, der Ausbeuter und Kollaborateur – Jesus lädt sich beim ihm ein, feiert ein großes Fest, und aus Zachäus wird über Nacht ein Wohltäter der Armen.

Warum erzählt uns die Bibel denn so etwas? Damit wir lernen, die Feinde von heute schon durch die Brille der Zukunft zu sehen.

 Heute beginnt in Dresden die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ihr diesjähriges Schwerpunktthema ist Gerechtigkeit und Frieden. Möge Gott es schenken, dass die Synodalen dort ein kräftiges Wort finden. Zum Thema Frieden, da erwartet Christus etwas von seiner Kirche. Wir haben es ja eben in der Schriftlesung gehört:

Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, was für ein Dank steht euch dann zu? Auch die Sünder lieben ja die, von denen sie geliebt werden.  Und wenn ihr nur zu euren Brüdern und Schwestern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Das machen doch alle so. Darum: Liebt eure Feinde. Denn Gott macht es ebenso. Gott ist großzügig gegenüber Guten und Bösen.

Aber sagen Sie mal, liebe Gemeinde: Haben Sie überhaupt Feinde? Das ist ja ein hartes Wort: Feinde. Klingt schroff, ungemütlich. Das mag man nicht.

Ich beobachte das heute gerade unter gebildeten Christen und Philanthropen: Da gibt es so eine liberal-schmusige Grundhaltung. Die redet sich alles schön. Die definiert die Feinde einfach weg. Ich merke das auch bei mir selber. Ich will ja in Frieden leben und am liebsten gar keine Feinde haben, und deshalb tue ich so, als gäb’s auch keine.

Viele machen das so mit der AfD. (Jetzt mal nur so als Beispiel.) „Wir müssen die Ängste und Sorgen der Leute ernst nehmen“, heißt es dann. „Der Osten ist halt noch ein bisschen abgehängt. Die Arbeitslosigkeit. Junge Frauen ziehen in den Westen, die jungen Männer bleiben zurück. So welche wählen dann AfD“.

So in der Art. Man pathologisiert die Leute. Die sind dann alle irgendwie Loser, dumpfe Geister, hilfsbedürftige Opfer. Mit denen kann man nur Mitleid haben.

Dabei ist die AfD eine politische Partei, und Parteien sind nach unserer Verfassung dazu da, an der politischen Willensbildung mitzuwirken. Und wenn ich der Meinung bin, die AfD betreibt eine unchristliche und gefährliche Willensbildung, dann sind die AfD-Mitglieder meine Feinde. Da soll man sich nichts vormachen.

Aber eben: wenn es Feinde sind, dann soll ich sie auch lieben – so wahr ich auf Jesus getauft bin, das ist mein Auftrag als Christ.  

Aber ich liebe sie nicht, wenn ich sie zu armen Irren erkläre, die selber gar nichts dafür können. Dann rede ich abfällig, spreche ihnen Intelligenz und Wurde ab. Wenn ich sie dagegen beim Wort nehme, ihnen auf Augenhöhe entgegentrete, dann habe ich Respekt und nehme sie als politischen Gegner ernst.

Das ist das schon mal der erste Akt der Feindesliebe. Und dann müssen wir uns auseinandersetzen. Sachlich. Hart, aber fair.

Bevor es zum politischen Schlagabtausch kommt, sollten wir uns aber vielleicht erstmal persönlich etwas erzählen. Aus unserem Leben. Welche Erfahrungen uns geprägt haben. Ostbiographien können spannend sein.

Vor dreißig Jahren haben die Ostdeutschen erfolgreich die sowjetische Übermacht abgeschüttelt. Was für ein Sieg! Da dürfen die stolz drauf sein. Aber der Westen hat ihnen den Sieg geklaut und ihn umgedeutet zum Sieg der NATO über den Warschauer Pakt.

Die Ostdeutschen haben sich von einem Stasi-Spitzel-Staat befreit, in einer friedlichen Revolution. Aber der Westen hat ihnen den Sieg weggenommen und einen Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus draus gemacht.

Wenn eine Ostdeutsche erzählt, was für eine glückliche Kindheit sie in der DDR gehabt hat, dann gehen sofort ein paar Wessis dazwischen und sagen: „Das kann ja gar nicht sein. Die DDR war doch ein Unrechtsstaat.“

So etwas schafft Bitterkeit. Und die wird dann geschickt ausgenutzt von rassistischen politischen Kräften. Statt dass man sich mal Zeit nimmt und zuhört, gelten lässt, nachfragt, in Demut und Neugier. Das wäre Feindesliebe!

Ich war mal hier in unserer Gemeinde auf Hausbesuch bei einem sehr christlich-frommen Ehepaar. Irgendwann im Gespräch outete er sich als AfD-Wähler. Und dann fragte er mich ganz provokant: „Wenn Jesus heute leben würde, würde er mich dann trotzdem besuchen?“

Da musste ich erstmal tief durchatmen. Dann sagte ich: „Nicht trotzdem, vielleicht gerade deshalb. Die Frage ist nur: Würden Sie ihn auch reinlassen? Der käme nämlich nicht allein, so wie ich hier als Ihr Pfarrer. Der hätte sicher noch eine ganze Entourage von Leuten dabei.

Westdeutsche und Ostdeutsche. Und ja, vielleicht auch eine junge Amerikanerin, die vor ihrer christlichen Berufung drüben für Donald Trump Wahlkampf gemacht hat. Dann aber auch eine iranische Familie, die kürzlich in Deutschland getauft wurde. Und Fridays-for-Future Kids, die fehlen nie. Ach ja, und nicht zu vergessen die Gattin eines Vorstandsmitglieds der Deutschen Bank, die hätte die Kasse dabei. So ungefähr steht das in der Bibel.“

Und ich sage zu ihm: „Die kämen auch nicht nur zum Tee. Die würden gleich Ihr ganzes Haus requirieren und den Garten dazu und eine Riesenparty organisieren.  

Aber wenn es soweit ist“, sage ich, „dann laden Sie mich doch bitte auch ein. Ich wäre gern dabei. So eine Party mit Jesus, das ist ja ein Fest wie im Himmel. Und wahrscheinlich wären wir beide – Sie, der AfD-Wähler und ich, der Grünen-Wähler – am nächsten Morgen nicht mehr dieselben wie vorher. So eine Party mit Jesus, die krempelt ja alle um.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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