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Guten Morgen, heute ist der 16. 06. 2019
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Pfarrer Andreas Volke: Predigt am Volkstrauertag 2018

Sei getreu bis in den Tod?

© Günter Havlena / pixelio.de

© Günter Havlena / pixelio.de

Pfarrer
Andreas Volke

Predigt am 18.11.2018

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen


Am Volkstrauertag 2018
Sei getreu bis in den Tod?

 

 


Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: So spricht er, der Erste und der Letzte, der tot war und wieder lebendig wurde: Ich kenne deine Not und deine Armut - und doch bist du reich -, und ich weiß, wie du verwünscht wirst von Seiten derer, die sagen, sie seien Juden, und es nicht sind, sondern eine Synagoge des Satans! Fürchte dich nicht vor dem, was dir an Leiden noch bevorsteht. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, um euch zu versuchen, und ihr werdet Not leiden, zehn Tage lang. Sei treu bis in den Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer den Sieg erringt, dem wird der zweite Tod nichts anhaben können.
Aus: Offenbarung 2


Liebe Gemeinde,
der Sonntag heute steht allgemein im Zeichen des Volkstrauertages. Man gedenkt derer, die in den Kriegen ihr Leben verloren. Wir suchen keine Helden. So wird es heut am Nachmittag am Ehrenmal wieder eine Mahnung zum Frieden geben und danach gebackene Waffel mit Kirschen im Forsthaus.


Die Bibeltexte für diesen Sonntag halten sich hingegen an den Wochenspruch, wo es heißt: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Im Angesicht der Schrecken, die jeder Krieg verbreitet, keine schöne Vorstellung. Sind auch jene gemeint, die aufgerufen und Kriege befohlen haben? Müssen sie damit einmal vor den Richterstuhl Christi treten?


Eigentlich möchte der Apostel Paulus der Gemeinde in Korinth einen Trost weitergeben, weil sie ihn ständig fragen, wie sie sich die Ewigkeit eigentlich vorstellen sollen. Da schreibt er ihnen, dass eine Verwandlung stattfinden wird, wie wenn man einen alten Mantel auszieht und mit einem schönen neuen Gewand umkleidet wird. Und er gibt ihnen die Gewissheit weiter: Wir wissen aber, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.


Danach erst folgt der Blick auf den Richterstuhl Christi. Weiß er doch: Der Richter wird derjenige sein, der dieses Haus, nicht von Menschenhand gemacht, bereit hält.

Der Leitsatz aus der Offenbarung wiederum setzt auf das Durchhalten und spricht denen die Siegeskrone zu, die bis zuletzt treu geblieben sind. Auch das ist eine Sichtweise auf den Richterstuhl Christi. Ansonsten hören wir einige für uns unverständliche Dinge, angefangen von Smyrna, einer Stadt, die heute einen ganz anderen Namen trägt. Dann gibt es da Juden, deren Synagoge als „Versammlung des Satans“ bezeichnet wird. Und schließlich ist da die Rede vom „zweiten Tod“, die uns ebenfalls vor Probleme stellt.


Sieben solcher Sendschreiben finden sich zu Beginn des letzten Buches der Bibel. Jedes nimmt sich eine der sieben Gemeinden rund um Ephesus vor und lässt sie schon einmal den Richterstuhl Christi spüren. Da bekommen sie jetzt bereits mitgeteilt, was sie dort einmal erwarten wird, wenn sie die verbleibende Zeit nicht nutzen, sich an der einen oder anderen Stelle zu verbessern.

Smyrna kommt gut dabei weg. Andere der sieben erhalten erhebliche schlechtere Noten. Hier aber liegt Zuspruch an. Diese Gemeinde steht vor einer Prüfung, die erstaunlich präzise mit 10 Tagen Bedrängnis angekündigt wird. Zehn Tage soll es geben, an denen Einzelne mit Gefängnis oder noch härteren Strafen rechnen müssen. Kann man sich so etwas bei uns vorstellen? Es gab dies alles, etwa in der Nazizeit und während der Kriege.


Dort aber leiden sie unter den Verwünschungen einer jüdischen Gemeinde, die diese Christen lieber heute als morgen aus der Stadt verjagt sehen will. Vermutlich gehen von ihr Verleumdungen aus, Anzeigen an die Behörden und ähnliches, so dass der Autor sich nicht scheut, sie als „Versammlung des Satans“ zu bezeichnen. „Teufelsgemeinde“ - Eine gefährliche Sprache. Wir wissen warum.


Manche von uns kennen die Stadt Izmir in der Türkei. Das war früher einmal Smyrna. Ob Paulus dort war, weiß man nicht, aber etwa 100 Jahre nach ihm gab es einen Christen in Smyrna mit Namen Polykarp, der zum Märtyrer wurde, und seither als Heiliger verehrt wird. Wegen seines Glaubens sah man ihn zuerst für die Löwenarena vor. Als die Löwen ihn verschmähten, brachte man ihn auf den Scheiterhaufen. Als die Feuerflammen auch nichts ausrichten konnten, nahm man schließlich den Dolch, um ihn zu ermorden. Smyrna ist ganz offensichtlich ein gefährlicher Ort für den christlichen Glauben. Darum erfahren diese Christen in ihrem Sendschreiben Zuspruch, Trost aber keine Kritik! Die „Krone des Lebens“ wird ihnen zugesagt, der Siegeskranz und die Zusage dass der zweite Tod ihnen nichts anhaben kann. Gott sieht deine Not -so heißt es für sie - und er sieht deine Armut – denn in Wahrheit bist du reich!


Läge da nicht auch ein schöner Name für eine Kirchengemeinde verborgen? „Smyrna-kirche“- oder „Smyrnazentrum“ das klingt doch gut, wenn da Menschen hören könnten, dass sie in Gottes Augen „reich“ sind, auch wenn sie äußerlich in Ängsten, Armut und Nöten stehen. Besser noch, wenn ihnen dann dort Hilfe angeboten wird. Einer Kirchengemeinde stünde dies doch gut an. Aufpassen sollte man allerdings, dass der Satz sich nicht umkehrt. Dann nämlich würde er lauten: Gott sieht deinen Reichtum, aber in Wahrheit aber bist du elend, arm und in Not. Das wäre dann nicht mehr so angenehm.


Was hat es mit diesem „zweite Tod“ auf sich?
Öfters bin ich diesem Begriff begegnet bei unseren Treffen mit den verwaisten Eltern zur Vorbereitung des Gedenkgottesdienstes, der in diesem Jahr wieder am 2. Sonntag im Dezember gehalten wird. Wir wissen um ihr Schicksal: Alle haben sie erlebt, dass da ein Kind hergegeben werden musste, manchmal sehr früh, aber auch als Jugendlicher oder junger Erwachsener. Was sie erfahren, ist das Schweigen oder auch das hilflose Reden anderer, weil es fast nie gelingt, Worte zu finden, um dieses Schicksal anzusprechen. So meidet man lieber den Kontakt. Auch in der Familie kann es dahin kommen, dass Mann und Frau in ihrer verschiedenen Art zu trauern, sich nicht mehr begegnen und darum auch dort ein Schweigen eintritt, das dieses Kind umgibt, obwohl es doch zur Familie gehört, wie jene anderen, die leben dürfen.
Dieses Schweigen nennen sie den „zweiten Tod“. Es ist die Angst davor, dieses Kind könnte einmal vergessen werden.


Nun wissen wir alle: Keine Mutter vergisst je ihr Kind. Meine Mutter, die zu ihren sechs bis heute lebenden Kindern ein siebtes geboren hat, das nach wenigen Monaten starb, sie hielt es so, dass sie als alt gewordene Frau zu all den jungen Familien in den Gottesdienst der verwaisten Eltern kam. Und wie diese, schrieb sie den Namens ihres Friedemann – einen Bruder, dessen Grab es gab und ein Foto auf dem Harmonium - seinen Namen schrieb sie auf ihren Stern, der dann am kleinen Tannenbaum blieb bis dieser am Weihnachtstag unter dem großen Tannenbaum stand. Ein Leben lang hatte dieser Junge seinen Platz in ihrem Herzen behalten. Da war kein zweiter Tod.


Aber von Gott vergessen sein - dort am Richterstuhl Christi? Wer wollte gerne zu jenen gehören, die der Herr nicht als die Seinen erkennt?


Berthold Brecht hat ein Stück geschrieben -„Die Verurteilung des Lukullus“- da ist das so: Dieser Feldherr, Lukullus, verschluckt sich an einer Fischgräte, stirbt und als er an die Himmelstür klopft, da ist sein Name dort nicht bekannt. Er kann das nicht fassen, führt all seine zweifelhaften Taten auf, seine Erfolge im Krieg und dass er den Kirschbaum aus Karthago nach Rom gebracht habe, nur: Alles das ist dort unbekannt. Er kommt nicht rein. Es sind die falschen Taten. Auch so etwas könnte ein Beitrag zum Volkstrauertag sein.


In der Offenbarung führt der zweite Tod direkt in den schwefeligen Feuersee, den „feurigen Pfuhl“, wie Luther übersetzt. Der zweiten Tod ist das Endgültige.

Wir haben jetzt teilgenommen an der großen Welt der biblischen Bilder. Wir sind Ereignis-sen aus der Anfangszeit des christlichen Glaubens begegnet, und haben Einblick genommen in deren Auseinandersetzungen um ein treues, unverzagtes Festhalten am Glauben inmitten widriger gesellschaftlicher Umstände. Wir haben gesehen, wie sie einander Zuspruch geben, aber auch Kritik und deutliche Worte der Orientierung. Die Bildersprache der Bibel steht dabei für sich. Sie ist nicht einfach übertragbar. Wir müssen heute nicht in diesen Bildern denken und sie nicht für unsere Sprache nutzen. Jedoch, was dahintersteht, das geht uns an.


„Smyrnakirche“ zu sein oder auch „Smyrnagemeinde“ – es hätte schon etwas, sich danach zu benennen. Läge doch ein großes Zutrauen darin, dass eine Gemeinde auch in unseren Zeiten nicht arm ist und überhaupt nicht daran zu zweifeln braucht, dass der Reichtum der Bibel weiter bei ihr zu finden ist. Das gibt den äußeren Umständen eine ganz andere Sicht. Ein großes „Dennoch“ ist dann zwischen die Fakten gelegt und gegen die Ängste gespro-chen, die runterziehen wollen. Eine Smyrnagemeinde erhebt Einspruch. Sie kennt die „andere Sicht“, die uns auf unsere Kräfte hinweist, auf den Reichtum der Erfahrung, auf den Zuspruch des Glaubens und auf die Möglichkeit durchzuhalten.


Das alles ermöglicht eine große Weite und ein weites, großes Ja zum Leben.


Amen.

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