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Guten Abend, heute ist der 18. 03. 2019
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Pfarrer Andreas Volke: Predigt am Palmsonntag 25. März 2018

Hören, wie man einander stärken kann

© Viktor Schwabenland / pixelio.de

© Viktor Schwabenland / pixelio.de

Hören, wie man einander stärken kann

Pfarrer Andreas Volke

Am Palmsonntag 2018

Essen-Rellinghausen

[Download pdf]

 

 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen und Motten werden sie zerfressen.   Jesaja 50,4-9

 

 

Liebe Gemeinde,

da waren  doch leicht gehobene Augenbrauen zu sehen, als Sie entdeckten, dass wir mit Lied Nr. 11 aus unserem Gesangbuch unverhofft  noch einmal den Advent herbeiholen „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir“.    Das singen  wir dort, umgeben von Pfefferkuchen  und Kerzenschein.  Am Tor zur Karwoche hört  es sich anders an, weil  es der Leidensweg Jesu ist, auf den wir bei seinem Einzug blicken. „Palmarum“, der Sonntag mit den Palmwedeln, die einen König begrüßen, der  auf einem Esel eingeritten kommt.

Wir haben es schon versucht mit dem Esel. Völlig vergeblich. Da wurde ein Esel vom Schürmann-hof aus Bergerhausen geholt, einer, der draußen vor dem Seiteneingang grasen musste, bis  die Kinder vom Gottesdienst für kleine Leute mit Palmenzweigen wedelnd Spalier gestanden sind. Und das war‘s. Die Vorderbeine gestreckt stand der Esel vor der geöffneten Tür und ist in diesen Stall nicht eingezogen, auch nicht als ihm jemand einen duftenden Apfel unter die Nase hielt. Jedenfalls sind wir dann mit den Kindern singend nach draußen gezogen am Esel vorbei, so dass es doch noch zu einer Art „Einzug Jesu in Jerusalem“  kam, halt andersherum.

Bei den Malern aller Jahrhunderte klappt es hingegen besser. Da lassen sie Jesus in ihre Städte einziehen –weiß doch so gut wie keiner von ihnen, wie jenes ferne Jerusalem tatsächlich aussah- so dass man auf  ihren Bildern beiläufig manches über  das mittelalterliche Siena, Florenz oder Antwerpen erfährt. Denn jeder malt auch seine Interpretation hinein. Duccio etwa, ein aufmüp-figer Sohn der Stadt Siena des 14. Jahrhunderts, er stellt die Bürger der Stadt mit verschränkten Armen auf die Teppen der Stadtmauer, als wollten sie sagen: Was brauchen wir noch einen, der auf dem Esel kommt? Wir haben genug Esel in der Stadt, Kardinäle, Domherren, Mönche und sonstige  Gläubige. Hier kann er auch gerne vorbeireiten. Und tatsächlich – neben dem Aufgang zur Stadt gibt es ein weiteres Tor, das nach unten führt.

Paul Gerhardt hingegen schreibt seinen Text 1653 in Mittenwalde, nachdem er als Anwärter auf das Pfarramt an der Nikolaikirche in  Berlin  nichts anderes zu tun hatte, als täglich Trauerfeiern zu halten, um all die von der Pest hingerafften Toten zu begraben.

Nun wendet er sich in seiner neuen Pfarrstelle dem Sonntag Palmarum zu und stellt sich die Frage, wie er selbst diesen auf dem Esel einreitenden König empfangen möchte. Diesen – das wird schnell klar- kann er nur mit dem Herzen begegnen. So lautet seine Jerusalemstrophe:

Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.

Nur so weit, wie man kann und weiß. Das ist der Hinweis auf unsere Grenzen.  Dann aber gibt es Psalmen statt  Palmen.  Und an Stelle des herausgebrüllten „Hosianna“ ein stilles, offenes Herz. Eines, das „wie ein Jünger hört“. Oder auch: wie eine Jüngerin. Denn  Mann und Frau sind doch auch in ihrer  Art zu hören sehr verschieden. Und zumeist finden wir die Glaubensfragen in der Bibel wie im Gesangbuch unter Männern verhandelt.   

Bei Paul Gerhardt ist es sein „Dennoch-Glaube“, den er in die Waagschale wirft.  Das Ergreifende an  seinem reichen Liedschaffen,  ist dieses immer wieder durchbrechende „Dennoch“  gegen alle Niederlagen und Widrigkeiten des Lebens. Sie stehen dem Glauben entgegen und müssen sich doch wandeln zur Quelle seiner Kraft. Da sind die immer noch vorhandenen Spuren des dreißig-jährigen Krieges, da stehen die Pesttoten vor Augen und die mit Geflüchteten gefüllten Städte und Kirchen. Das „Reich, wo Fried und Freude lacht“  ist weit in die Ferne gerückt. Paul Gerhardt aber singt:

 „Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht, da bist du kommen und hast mich froh gemacht!“

So etwas ist „Dennoch Glaube“: Wo  alles verloren scheint und wo man meint, selbst am Ende zu sein, da ist dieses Ende doch nicht ohne Ziel. Vielmehr wächst gerade  jetzt eine neue Kraft und ein Trost  heran, wie  man ihn bislang nicht kannte. Das nennt die Bibel „Hören wie ein Jünger und wie eine Jüngerin hört“. Sie unten liegen, sollen emporgehoben werden. Wer sich gemobbt und aus-gelacht sieht, soll wieder festen Boden unter die Füße bekommen. Mit Paul Gerhardts Worten:

Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los. Ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß!

Es sind die Texte des „Alten Testamentes“, die diese Hoffnung, die aus dem Glauben erwächst,  in sich tragen, weil es auch zu dieser Zeit Menschen gab, die wie ein „Jünger“ zu hören wussten und diese Erfahrung dieses „Dennoch-Glaubens“ kannten. Da gibt es in den Jesajabüchern eine Reihe von Liedern, die uns rückblickend wie eine Vorhersage des Leidensweges Jesu  erscheinen:  Sie be-singen eine Person, die  der „Knecht Gottes“ genannt wird. Dieser „Gottesknecht“ erleidet unzählige Schmach und Demütigung. Er  gilt als der Retter Israels und muss doch schlimmste Ablehnung ertragen, die er erduldet und hinnimmt.  In unserem Predigttext heißt es von ihm:

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauf-ten. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.  Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

Bei Amazon würde jetzt stehen: Leser dieses Textes lasen auch Jesaja 42,1-4; Jesaja 49,1-6  und Jesaja 52,13-53,12. Das sind die Lieder vom Gottesknecht.

Ihr Kernthema  ist der „Gehorsam – und das klaglose Hinnehmen“ ohne zusammenzubrechen.  Aushalten ja – jedoch nicht ohne Verzicht auf eigene Würde und eine aufrechte Haltung zur eigenen Person.  Hat nicht  auch ein vom Leben geschundener Mensch ein Recht darauf, Gottes Kind zu heißen?  Muss nicht gerade er aus der  Kraft  schöpfen, die aus dem „Dennoch-Glauben“ erwächst? Da lesen wir:

Gott ist mir  nahe, der mich gerecht spricht; wer  also will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer also will mich verdammen? Nein – sie werden alle wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Das alles spiegelt innere Auseinandersetzungen, die wir auch kennen, das hin und her gerissen sein zwischen Vertrauen und Zweifel. Und es soll nicht vergeblich sein, wenn jemand in dieser Weise „hört, wie ein Jünger hört“.  Denn aus diesem Hören und kann etwas erwachsen, was kostbar ist, weil andere es brauchen. Das Jesajabuch nennt dieses Wissen, das aus dem eigenen Durchhalten erwächst eine Kompetenz, die dazu qualifiziert, mit den Müden zu reden zur rechten Zeit.

Die besten Ratschläge gleiten an einem Menschen vorbei, wenn nicht der Moment gegeben ist, wo er hören kann.. Also bedarf  es  einer großen Erfahrung, der Geduld  und einer vorausgegan-genen  Auseinandersetzung mit den gleichen Themen, wenn jemand die  „Müden“, wie sie genannt werden, so anzusprechen weiß, dass sie sich verstanden fühlen.   

 

  • Etwa diejenigen, die an ihrem eigenen Körper leiden: So mit ihnen zu  sprechen, kann eigentlich nur jemand, der selber Schmerzen kennt und die Ungewissheit in sich ertragen hat, ob das noch einmal behoben und geheilt werden kann, was der Körper nicht mehr leistet.

 

  • Mit denen reden,  die traurig sind im Herzen, kann vermutlich doch auch nur jemand, der selber einen Verlust erfahren hat und die Ohnmacht kennt, die einen dann befällt. Reden kann hier nur jemand, der auch schweigen kann.

 

  • Mit denen reden, die einsam sind, kann vielleicht nur der, der  selber einmal auf sich alleine geworfen war und alleine gestanden hat

 

  • Und mit denen reden, die sich als Opfer sehen von Mobbing und Gehässigkeit, kann jemand wirklich leisten, der diese Erniedrigungen selber auch einmal erfahren hat.

 

  • Dank teilen kann man auch nur, wenn man selbst weiß, was Dankbarkeit auslöst und bedeutet.

 

Dann mag Kraft zum Wiederstand erwachsen und auch ein Trotz, der verhindert, sich unterkriegen zu lassen. So etwas ist auch Dennoch – Glaube.  Darum spricht die Bibel dort, wo nach eigenem Ermessen ein Ende gesetzt ist, unbeirrt vom neuen Anfang.  Die Bibel weiß, dass kein Ende ist ohne ein Ziel. Und darum ist sie für uns so wichtig.  Sie rechnet mit Gott und lässt sich den Weg zeigen, der weiterführt über das hinaus, was unsere Augen sehen. „Empfangen“ ist ihr Stichwort.

Jochen Klepper hat  dies alles in seine Worte aufgenommen,  als er 1938 ein Morgenlied dichtet, das nach Jesaja 50 gestaltet ist. Er schreibt es, als die Verfolgung der Juden in Deutschland offen nach draußen dringt auf die Straßen und die Angst um seine jüdische Frau immer bedrängender wird. Da beschreibt er seinen Dennoch-Glauben, wie wir es gleich mit ihm singen werden. Und doch gab es für ihn und seine Frau vier Jahre später jenen Moment, wo es dunkel und aussichtslos um sie wurde und beide aus dem Leben geschieden sind.

Hoffen, Glauben, Handeln, all das kann von uns Menschen doch nur geleistet werden, so gut wie das eigene Herz es „kann und weiß“.  Ich denke, darum sind wir heute hier, dass wir  „Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört“ aufs neue  erfahren, wie Jochen Klepper es gedichtet hat, um so Menschen zu sein, die  „hören, wie ein Jünger und wie eine Jüngerin hört“.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herz6en und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn

Amen

Lied 452 1-4 Er weckt mich alle Morgen

1. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte begrüß' das neue Licht. Schon an der Dämmerung Pforte ist er mir nah und spricht.

2. Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf! Das Wort der ewigen Treue, die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs neue so wie ein Jünger hört.

3. Er will, dass ich mich füge. Ich gehe nicht zurück. Hab' nur in ihm Genüge, in seinem Wort mein Glück. Ich werde nicht zuschanden, wenn ich nur ihn vernehm': Gott löst mich aus den Banden! Gott macht mich ihm genehm!

4. Er ist mir täglich nahe und spricht mich selbst gerecht. Was ich von ihm empfahe, gibt sonst kein Herr dem Knecht. Wie wohl hat's hier der Sklave – der Herr hält sich bereit, dass er ihn aus dem Schlafe zu seinem Dienst geleit'!

5. Er will mich früh umhüllen mit seinem Wort und Licht, verheißen und erfüllen, damit mir nichts gebricht; will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag'. Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag!

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