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Guten Abend, heute ist der 10. 04. 2020
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Pfarrer Andreas Volke: Predigt am 9. Februar 2020

Dem Peter ein Peter?

© Reinhold_Jenders /pixelio.de

© Reinhold_Jenders /pixelio.de

Dem Peter ein Peter?
Predigt von Pfarrer Andreas Volke
Essen Rellinghausen
zu 1. Korinther 9
am 9.2.2020


Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; viel-mehr gilt: Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! 17 Tue ich's freiwillig, so wird's mir gelohnt. Tue ich's aber unfreiwillig, so ist mir das Amt doch anvertraut. Ich muss es tun. 18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt. 19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, auf dass ich möglichst viele gewinne. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen unter dem Gesetz bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin –, damit ich die unter dem Gesetz gewinne. 21 Denen ohne Gesetz bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin im Gesetz vor Christus –, damit ich die ohne Gesetz gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, auf dass ich an ihm teilhabe. Aus 1. Korinther 9


Liebe Gemeinde,
schnell hingeworfen wäre das der passende Spruch: „Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein!“ Zur inneren Freude dessen, der ihn ausspricht, kann man sich damit auf der sicheren Seite wähnen, „wasserdicht“, mit klarem Standpunkt und fester Haltung.


Aber Vorsicht! Wir werfen gerade einen Blick in das Persönlichste, was der Apostel Paulus zu schreiben wagt. 1. Korinther 9 gehört zu jenen Passagen, in denen er sich herausgefordert sieht, zu seiner Person Stellung zu nehmen: Warum mache ich das hier eigentlich? Kommt es zu dieser Frage, gibt es kein Ausweichen. Seinen Zeilen möchte ich von meiner Seite ebenfalls etwas Persönliches hinzustellen:


Als ich studierte, wohnte ich einige Zeit in Marburg in einer WG. Das lief gut bis auf einen, Peter. Der kam hin und wieder aus Frankfurt angereist und lebte dann als Freund einer Mitbewohnerin bei uns. Ich fand keinen Draht zu ihm. Bei einem Essen kam es dann zu der Frage, die kommen musste: Warum ich eigentlich Theologie studiere. Und da habe ich alle meine guten Argumente ausgebreitet, bis er einhaken und antworten konnte: „Schön für dich. Aber ich brauch das alles nicht. Mir fehlt da die Antenne. Ich komme ohne Religion klar“.


Daran habe ich lange gekaut, weil ich meinte, ein für mein Studium ein Anliegen zu haben, was alle interessieren müsste. Schließlich reden wir hier schmerzfrei von solch großen Dingen, wie dem ewigen Leben, der Auferstehung von den Toten oder auch von der Errettung der unerlösten Welt! Und das schnell einmal an einem Sonntagvormittag… Da jedenfalls saß einer am Tisch, dem ging das alles am langen Rücken vorbei.


Dem Juden ein Jude, dem Griechen ein Grieche, dem Peter ein Peter? Das lief nicht. Auf welcher Ebene hätte ich mich denn mit ihm treffen sollen? Etwa so: „Peter, da hast du völlig recht, ich brauch’s auch nicht? Dummerweise aber studiere grade im sechsten Semester und da wird irgendwann ein Pfarrer draus in einer evangelischen Kirchengemeinde?“


Erst einmal war das nicht mein Standpunkt. Aber gerade darum war es nötig, lernen zu müssen, dass es für den Glauben, wie wir ihn hier miteinander teilen, keine allgemein gültige Begründung gibt. Man kann nicht für andere studieren und auch nicht wegen der anderen glauben. Nicht für die Kinder, nicht wegen der Partnerin oder dem Partner, nicht für Peter, sondern allein für sich selbst. Das war schmerzlich aber heilsam und gut. Dieser Anstoß aus der WG hat mich mein gesamtes Pfarrerleben begleitet.
Etwa: Bei der Frage nach modernen Gottesdiensten für Suchende. Oftmals angepriesen unter dem Motto „Kirche heute einmal anders - ein Gottesdienst für die Zweifler! Am besten vorbereitet von denen, die ihren Glauben gefunden haben, die weder suchen noch zweifeln? Wer soll denn dahingehen und sich ernst genommen wissen, wenn man tatsächlich auf der Suche ist! Nein, das funktioniert nicht.


• Wir haben hier zehn Jahre lang „Zeitzeichengottesdienst“ gestaltet. Da ging es genau in diese Richtung. Aber auf den Plakaten stand: „Ein Gottesdienst am Abend von Suchenden für Suchende“ Und das ist etwas anderes: Von Suchenden für Suchende. Da bleibt man untereinander auf gleicher Ebene. Diese Gottesdienste hatten ihre Begründung bei denen, die ihn für sich selbst haben wollten. Ich konnte da mitmachen, auch wenn ich mich selbst stets als einen Finder gesehen habe und es immer noch so sagen würde: Wir leben, um zu finden! Und wenn man gefunden hat, ist es auch einmal mit dem Suchen vorbei. Wer hingegen meint, sein Leben lang sei Suchen das Beste für ihn, der hat lange keinen Autoschlüssel verloren. In meinem privaten Dingen, in meinen Anfangskrisen hier am Ort, da war ich doch auch ein Suchender, jemand, der das hinkriegen musste, mit seinen Lebensumständen zurechtzukommen, wie jeder Andere das zu meistern hat. Untereinander gab es darum über all die Jahre eine Schnittmenge unter Gleichen. Und auf diese Schnittmenge kommt es an.


• Als wir -aus schmerzlichem Anlass- die Gottesdienste mit den verwaisten Eltern begannen zum weltweiten Gedenktag der verstorbenen Kinder am zweiten Sonntag im Dezember, da gaben mir die betroffenen Eltern zu verstehen, dass ihren Schmerz nur jemand nachempfinden kann, der selber dieses Schicksal teilt. Sonst keiner. Ich habe das akzeptiert und mich lange als außenstehenden Begleiter gesehen, bis mir irgendwann klar wurde, dass es doch auch in unserer Familie das Grab eines verstorbenen Zwillingskindes gab, dass ich nie lebend gesehen habe. Das schwarz-weiße Foto von dem kleinen Friedemann, der nur 3 Monate hat leben dürfen, stand oben auf dem Harmonium. Im Frühjahr ging der Vater mit uns auf den Friedhof das Laub vom Grab zu kehren und Eisblümchen zu pflanzen. Vor allem aber gab es die Augen der Mutter, wenn die Erinnerung kam an dieses, von ihr geborene und so früh genommene Kind. Ich hatte das für mich mit den Jahren aus den Augen verloren.
Sie hatten Recht, diese Eltern, die sagten, dass es eine Schnittmenge geben muss, wenn man einander vertrauen und miteinander handeln will. Auch hier lautet der Titel bis heute: „Von den Essener verwaisten Eltern mit Familien, die ein Kind verloren haben“. Nicht einfach für diese Familien haben wir einen Gottesdienst entworfen, sondern mit ihnen. Einen Gottesdienst für jeden Aktiven selbst.


• Ein drittes Beispiel: In Hamburg gab es, als ich um das Jahr 2000 dort ein Kon-taktstudium machen konnte, in der St. Georgskirche seitlich vom Hauptbahnhof, wo
entlang der Steinstraße noch einmal ein zweites Rotlichtviertel existiert, da gab es den
AIDS Gottesdienst. Ich war dort am Hansaplatz. Etwa 50 oder 60 Männer waren
gekommen, auch als Paare und es gab einen sehr zugewandten, seelsorgerlichen
Gottesdienst. Da wurde um Kraft und Zuspruch für den Alltag gebetet, in einer Form,
die den Pfarrer und seinen Mitarbeiter in allem einschloss. Gut, habe ich gedacht, gut,
dass die Kirche aufgehört hat, all diese Menschen mit ihren persönlichen Geschichten
zu verurteilen und ihre Lebensform zu verdammen. Jetzt konnten sie hier miteinander
um Kraft für den kranken Körper bitten, für ihre Beziehungen beten und Heimat finden,
wo wir von Gottes Liebe sprechen.


Wieder lag die Schnittmenge klar dort: Von Betroffenen mit Betroffenen. Dafür
brauchte es notwendig in der Kirche Menschen, die erfahren haben, was es heißt,
„unter Schwachen“ zu leben, selbst vielleicht auch von AIDS betroffen zu sein, um
gerade so ihren Auftrag auszuführen. Nicht draußen, irgendwo am Rand, sondern in
der St. Georgskirche, öffentlich.


Da dürfte der Apostel Paulus sich hinzugestellt haben. Sein persönlichstes Glaubensbekenntnis ist der Satz: “Lass dir an meiner Gnade genügen. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Den Schwachen konnte und wollte er gerne ein Schwacher sein, nämlich einer, der mit seinem eigenen Körper ringt und mit seinen Grenzen zu kämpfen hat. Den Schwachen ein Schwacher.


Denen unter dem Gesetz sei er geworden, „wie einer unter dem Gesetz“. Das ging, weil er das Leben „unter dem Gesetz“ als Jude intensiv gelebt hat. Später fand er den für ihn weit besseren Weg, so dass jeder ruhig wissen sollte, wie er für sich den neuen Weg zu Christus und zum „Wort vom Kreuz“ gefunden hat. Aber aus eigener Erfahrung kann er sich doch zu denen stellen, die als Juden leben und möglicherweise ähnlich wie er damit ringen, wie man mit Ernst Gottes Gebot gerecht werden kann.


Denen ohne Gesetz, so schreibt er, sei er schon deshalb nahe, weil er selbst einer von ihnen geworden ist. Gleichwohl lässt er keine Zweifel daran, wo er seine Freiheitgefunden hat: Bei Christus, der die Liebe über alle Gebote stellt. Dennoch, in der Frage nach der Freiheit gibt es wieder solch eine Schnittmenge, die ihn mit bestimmten Menschen verbindet, auch wenn sie ganz woanders stehen.
Der Schlüssel zu den anderen liegt immer wieder darin, diesen Zugang zu finden, der eine Schnittmenge kennt in der großen Weite und Verschiedenheit, die es zwischen uns Menschen gibt. Die Brücke, die hinüberführt zu den anderen, liegt dort, einer den anderen teilhaben lässt an dem, was einem selbst das Wichtigste ist.
Eine Schnittmenge zu finden, das geht am besten, wenn wir uns auf den Boden der Liebe stellen, die uns mit anderen existenziell verbindet. Das kann die gemeinsame Freude am Leben sein, die dankbar macht, die Freude an schönen Dingen, die Liebe zu den Kindern, wie auch zum Partner – und auf der anderen Seite finden wir sie beim Aushalten in Ängsten, im Mitempfinden mit Not und Schmerz, in der Anteilnahme in Trauer und auch in Barmherzigkeit zu sich selbst im Annehmen der eigenen Grenzen.
Lass dir an meiner Gnade genügen, könnte das nicht auch unser Glaubensbekenntnis sein?
Lebendig wird das, wenn man sich nicht über andere, sondern zu ihnen und an ihre Seite stellt. So etwas ist Vertrauenssache und der Weg dahin geht nicht über das dogmatische Bekennen, sondern über das Erzählen. Paulus ist solch ein Erzähler. Seine Verkündigung besteht darin, davon zu erzählen, was er erfahren und was ihn überzeugt hat. „Ich kann nicht anders“, sagt er, „ich kann nicht anders, als dass ich an diesen Geschichten dranbleibe und meine Geschichte dazustelle, um sie mit den anderen zu teilen. Sonst hätte ich selbst keinen Anteil am Evangelium“.


Anders ist es nicht zu haben, das Evangelium, nicht ohne die anderen, nicht als Besitz für sich, sondern im Teilen und Teilhabenlassen an den eigenen Lebensgeschichten.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses Geheimnis des Glaubens noch oft entdecken und die Kraft erfahren, die daraus erwächst. Vom Glauben zur Liebe zur Hoffnung. So „geht“ Evangelium.


Wo das geschieht, da liegt eine Verheißung und da liegt Segen drauf.
Amen

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