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Guten Abend, heute ist der 19. 08. 2019
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Pfarrer Andreas Volke: Predigt am 28. Oktober 2018

Wer bin ich?

 

Wer bin ich?
Predigt
von Pfarrer Andreas Volke
am 28. Oktober 2018


Ich verstehe selbst nicht, was da los ist: warum ich so handle, dass ich nicht das tue, was ich tun will; sondern das, was ich verabscheue. Ich weiß ja, dass in mir, das heißt in meiner menschlichen Natur, nichts Gutes wohnt. Obwohl es mir nicht am Wollen fehlt, bringe ich es nicht zustande, das Richtige zu tun. Wenn ich aber das, was ich tue, gar nicht tun will, dann handle nicht mehr ich selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Als gäbe es da eine Gesetzmäßigkeit. ein anderes Gesetz, das im Kampf mit dem Gesetz Gottes steht, dem ich innerlich doch zustimme. Dieses aber macht mich zu seinem Gefangenen. In Wahrheit stehe ich unter dem Gesetz der Sünde, und mein Handeln wird von diesem Gesetz bestimmt. Ich unglückseliger Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Wird mich denn niemand aus diesem Zustand befreien? Doch! Und ich danke dafür Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Aus Römer 7


Liebe Gemeinde,
bei den Projekten zur Kulturhauptstadt 2010, an denen ich mitwirken konnte, war eines dabei, das im Alten Hafthaus in Moers stattfand. Mein Lieblingsprojekt. Es hieß „Schattenkultur“. In einem freigezogenem alten Gefängnisbau – roter Backstein, eiserne Treppen, Zellen rechts und links auf zwei Etagen- dort gab es nun Kunst zu sehen, die von Gefangenen aus dem Ruhrgebiet erstellt worden war: Videos mit gesungenen Rapps, Bildprojektionen an den Zellenwänden, Texte auf langen Papierfahnen, Schatten und Lichtinstallationen. All das wechselte sich ab mit immer wieder auftauchenden Masken, ganz offensichtlich eines der besonders ge-suchten Motive der beteiligten Häftlinge.


Wer dieses Hafthaus betrat, wurde von einem durchgehenden, sirrenden Klang empfangen, einer zunehmend unerträglichen sich immer wiederholenden Tonfolge, die das ganze Haus erfüllte. Unweigerlich ließ sie etwas davon erahnen, was es bedeuten
muss, als Gefangener von immer den gleichen Geräuschen umgeben zu sein, während man für sich selbst genau 2,80 Meter mal 1,20 zur Verfügung hat.

Am Aufgang zum eisernen Treppenhaus stand Bonhoeffers Gedicht aus dem Jahr 1944, das er aus dem Tegeler Gefängnis seinem Freund Eberhard Bethge anvertraute. Es spricht von seinem eigenen Erleben als Häftling der Gestapo. Die Überschrift stellt die entscheidende Frage: Wer bin ich?
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle, gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern, frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks, gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg? Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!


Dazu also hatten die Gefangenen die Masken gefertigt. Bonhoeffers Gedicht war zu ihrem eigenen geworden und so gab es Masken, die zwei Hälften trugen: Eine aggressive, dunkle, düstere Seite und im gleichen Gesicht eine zweite mit weichen, hellen Farben. Eine andere wie ein Schachbrett gearbeitet mit schwarz-weißen Quadraten. Es gab auch jene Maske, die auf ein Waschbecken unter den Spiegel gelegt war, so dass jeder, der hineinschaute, sich selbst sah, sein eigenes Gesicht. Oder auch, dass die Maske in das Fensterkreuz einer Zelle gehängt war. Alles sehr sprechend. Wer bin ich? Ein handgeschriebener Text neben einer Maske sagte es so: „Wer ich bin? Da ist so vieles in mir. Aber das Böse, nicht ich war es, die Maske, sie hat es getan“.


Der Richter war da anderer Meinung. Als Täter wurde er zur Rechenschaft gezogen, nicht die Maske. Und darum gab es in der Ausstellung auch eine Zelle für den weißen Ring, einen Ort, wo Partei ergriffen wurde für die Opfer Denn auf der anderen Seite
stehen ebenso Menschen, bei denen Spuren bleiben, oftmals länger an als drei oder vier Jahre, die der Täter für seine Tat im Gefängnis verbüßen muss. Opfer brauchen das Geständnis des Täters, der sich bekennt. Ohne solch einen Akt lässt sich nur schwerlich Frieden schließen, mit dem, was da ohne eigenes Zutun ins Leben eingebrochen ist.


Können Sie sich vorstellen, Täter zu sein? Ich habe mich das oft gefragt und fast immer erschrocken festgestellt: Ja, schon. Erziehung spielt da hinein, dass man bislang davon gekommen ist, auch die berufliche Stellung, die „Fallhöhe“, wie man sagt und ebenso Menschen, die zu einem gehören. Aber es gibt auch Kriminalität im Nadelstreifen. Da sitzen Ärzte, Akademiker, Geschäftsführer aber ich weiß auch von einem Pfarrer. Wenn man die Zeitung aufschlägt, findet sich fast jeden Tag etwas dazu.
Der Apostel Paulus saß nach eigenen Angaben mehrfach ein. Man darf vermuten, dass es wegen seiner Auftritte als öffentlicher Redner und Verkündiger des Evangeliums auf den Plätzen der römischen Städte dazu gekommen ist. Paulus aber sieht ein Gesetz am Werk, das tiefer greift. Jeder trägt da seinen „Rucksack“, wie es heute heißt. Und darum fragt er schonungslos offen: Was ist da in mir wie bei uns los? Dass ich nicht das tue, was gut ist, obwohl ich doch die Maßstäbe Gottes kenne und bejahe. Das Gegenteil kommt schließlich zu Tage, das, was ich doch eigentlich verabscheue.


Wer länger nicht in seinen Keller hinabgestiegen ist, wo die Kisten stehen, mit den ungelösten Sachen, mag an oberflächliche Dinge denken. Kleine Notlügen hier und da, irgendetwas in seinen Gedanken. Manchmal aber liegt etwas im Keller, was lange schon drückt, weil man zu feige war, den offenen Weg zu suchen oder auch, weil es einfach bequemer ist, den eigenen Lügen zu glauben.


Wir sollten das alles nicht nur im Kontext der Dinge sehen, die wir landläufig mit „Sünde“ beschreiben. Bei der Kirche geht das fast immer in Richtung Sexualität, Treue, Partnerschaft. Natürlich sitzt der eine in der Patsche mit seiner Partnerschaft, Und es gibt einen eigenen Anteil daran. Andere aber sind beruflich in die Sackgasse geraten, andere verzweifeln gerade an den Kindern, und diese an den Eltern, mancher kämpft mit seiner körperlichen Konstitution, andere können nicht wieder zum Leben finden, weil da ein Abschied war, wo man nicht loslassen konnte. In alledem geht es um den Punkt, der an die eigenen Grenzen führt. Und dann mag man mit Paulus sprechen: „Ich elender Mensch, wer wird mich befreien aus meinen Widersprüchen, wer holt mich heraus aus diesen schwarzen Löchern, wer zieht mich weg von den Gedanken, die mir den Tod vor Augen malen!?


So radikal die Bibel darin ist, keine halben Sachen gelten zu lassen wenn es um die Maßstäbe Gottes geht, dass wir sie uns nicht zurechtbiegen, so klar ist sie andererseits darin, diese Befreiung zu benennen, von der Paulus spricht, die es möglich macht, inmitten all unserer Nöte ein fröhlicher Christenmensch zu sein mit aufrechtem Gang. Paulus kennt seinen Befreier kennt. Er kann es mit einem Satz benennen, was ihn hält und trägt und was sein Selbstverständnis ausmacht, seitdem er ein Anhänger von
Christus geworden ist. Darum kann er auch über seine Widersprüche so offen reden. Sie haben lange schon ihre Macht über ihn verloren.


Im ersten Korintherbrief etwa schreibt Paulus den Christen dort in der Hafenstadt Korinth, was sein Rückhalt und was die Quelle seiner Kraft geworden ist. Da schreibt er: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.


Wir finden es im Römerbrief, wo er denen in Rom gleich zu Beginn seines Briefes schreibt: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die rettet. Jetzt sehen wir auch deutlicher, was der Kontext ist, wo diese Rettung stattfindet.


Und denen, die weit im Norden wohnen, in Galatien, ihnen schreibt er: Christus hat uns losgekauft vom Fluch des Gesetzes, da er an unserer Stelle zum Fluch wurde. So bin ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.


Glücklich, wer für sich auch solch einen Kernsatz weiß, ein Wort der Bibel, das Rettung in sich trägt. Denn es liegt auf der Hand, Kraft entsteht dort, wo wir als Christ und Christin nicht nur äußerlich mit der Kirche und dem christlichen Glauben verbunden sind, sondern das Wagnis eingehen, in allem auf diese Karte zu setzen, die der Glaube ermöglicht: Nicht (nur) ich lebe – in mir lebt Christus.


Wer das erfahren, dem wird es nicht schwer fallen, dann auch zu sagen: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Oder, wie Bonhoeffer es für sich zu sagen wusste: Dein bin o Gott.

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