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Guten Abend, heute ist der 23. 10. 2019
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Pfarrer Andreas Volke Predigt am 24.2. 2019

Einzig ein Haschen nach Wind?

© Stephanie Hofschlaeger /pixelio.de

© Stephanie Hofschlaeger /pixelio.de

Einzig ein Haschen nach Wind?
Anmerkungen zu einem unbequemen Buch der Bibel [download]
Pfarrer Andreas Volke
Esen Rellinghausen am 24.2. 2019

 

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens : Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt bestens in seiner Torheit Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht selbst zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen. Denn es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er nur Gutes tue und nicht sündige.
Aus Kohelet 7


Liebe Gemeinde,
was wäre ihr Vorschlag, wenn jemand spürt, dass es mit den Kernsätzen des Glaubens nicht mehr stimmt? Wenn etwa das, was von der Kanzel gepredigt wird, im Alltag nicht hinkommt, was würden Sie empfehlen? Wie kommt man da raus?
Dieser Schriftsteller „Kohelet“ gehört zu einem Kreis von Leuten, denen klar geworden ist, dass die Rede der Priester im Tempel lange schon am Leben vorbeigeht. Dort predigt man nach dem schlichten Merksatz: Wer die Gebote hält, zu dem hält sich auch Gott. Wer es nicht so macht, der ist ein Narr. Er muss am Leben scheitern. „Weisheit“ und „Torheit“, das sind die Bezugspunkte dieser Verkündigung. Man könnte auch sagen „Zuckerbrot und Peitsche!
Dieser Kohelet jedenfalls stellt fest: Die Frommen stecken Tag für Tag in der Krise während es bei den Gottlosen prächtig läuft. Er greift zur Feder und schreibt:
Ich, der Prediger, ging aus die Weisheit zu suchen und sie zu erforschen bei allem, was man unter dem Himmel tut. Und siehe, es war eitel und nichtig, ein Haschen nach Wind.
Und weiter: „Da sah ich all jene, die Unrecht leiden unter der Sonne, und siehe, da waren die Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren so übermächtig, dass sie keinen Tröster haben konnten.
Wir wissen, wo es heute so aussieht: Opfer von Erdbeben, Kinder die hungern oder Flüchtlinge auf dem Wasser. Nur: Wo man nicht sofort selbst etwas tun kann, da gibt es die Hilfswerke, die näher dran sind, um Not zu lindern. Viele haben Patenkinder in der ganzen Welt, andere spenden an die Katastrophenhilfe. Der Faire Welt Laden unserer Gemeinde tritt für gerechte Löhne ein. Dieser Kohelet unterstützt niemanden und er spendet nichts! Ungerechtigkeit hält er für ein Gesetz des Schicksals, an dem sich nichts ändern lässt. Seine Bilanz lautet so:
Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Jungen, die ihr Leben noch vor sich haben. Und besser dran sind jene, die nie geboren werden, weil sie das Böse nie erfahren werden, das unter der Sonne geschieht.
Erstaunlich, dass die Bibel solche Worte überhaupt zulässt. Von guter Nachricht jedenfalls keine Spur! Kohelet beantwortet die Frage nach dem Sinn vom Ende her. Da steht der Tod. Und das letzte Hemd hat keine Taschen. Mehr an Trost gibt es bei ihm nicht. Da ist kein Jenseits, kein Himmel noch die Hölle, auch kein Gericht, wo noch einmal Gerechtigkeit geübt werden könnte. Da kommt gar nichts mehr. Und das ist für die Hebräische Bibel nicht einmal außergewöhnlich. Die allermeisten Schriften des Alten Testamentes gehen davon aus, dass Gott ein Gott der Lebenden ist. Da, wo man ihn loben kann, da ist Gott.
Das Fazit des Kohelet lautet folgerichtig so: Maßhalten und die Dinge nicht zu sehr an sich heranlassen, bei Laune bleiben, Frau und Kinder versorgen und hin und wieder ein paar schöne Momente unter der Sonne genießen. Das war es dann aber auch mit dem donnernden Leben. Der Rest ist eitel, vergänglich, ein Haschen nach Wind.
Zur gleichen Zeit kommt ein anderes Buch in Israel auf den Markt. Es wird von ein paar Intellektuellen geschrieben und nennt sich „Hiob“. Diese Autoren greifen die Theologen am Tempel mit der Hypothese an: Was wäre wenn… Wenn etwa der Teufel mit Gott einen Pakt schließen würde, z.B. über dem Leben dieses frommen und gerechten Hiob? Dann kann dieser arme Mensch unten auf der Erde doch so treu und fromm sein wie er will. Sein Schicksal wird an ganz anderer Stelle entscheiden. Und er weiß nicht einmal warum.
Die Antwort dieses Buches an alle, die in ihrem Leben geschunden werden und die ihre Narben an Leib und Seele tragen, sie lautet so: Letztlich musst du durchhalten! Am Ende kommt doch noch der Segen zu dir. Nimm den Glauben als deine Kraft, um gegen die widerwärtigen Seiten deines Lebens gewappnet zu sein. Und tatsächlich, zum Schluss des Buches erhält Hiob was er verloren geben musste noch einmal im Übermaß zurück.
Aus dieser Zeit stammt ein drittes Stück Literatur. Es ist der 73. Psalm. Die schönen Verse daraus haben wir heute gebetet. Die anderen findet man nicht im Gesangbuch. Und das aus gutem Grund: Denn zuvor fleht dieser Beter seinen Gott an, er möge doch endlich damit beginnen, die Gottlosen zu vertilgen. Auch ihm hilft das Modell von Weisheit und Torheit nicht weiter. Wenn es schon bei der Bewahrung des Frommen nicht klappt, dann sollte es zumindest auf der anderen Seite funktionieren. Denn jeder sieht doch, wie sich die Mäch-tigen brüsten und groß tun und sagen: „Der da oben sieht schon lange nicht mehr, was auf der Erde geschieht. Dem ist das hier doch alles egal!“
Wie bei allen, die beten, kommt auch dieser irgendwann zur Besinnung. Und er muss einge-stehen, dass dieses abfällige Urteilen sein eigentliches Problem ist. Er sollte zusehen, dass er davon weg kommt. „Als ich so dachte, war ich wie ein Tier.“ Für einen Moment überkommt ihn Scham für seine Worte und er gewinnt Zugang zu dieser anderen Sicht, die ihn sagen lässt:
Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.
Da hat einer gerade noch einmal die Kurve gekriegt, könnten wir sagen. Leider nicht. Kaum dass er zur Zuversicht zurück gefunden hat, wettert er schon wieder gegen die Gottlosen.
Drei Zeugnisse der Bibel haben wir jetzt betrachtet, die alle drei danach suchen, Antworten zu finden, wenn ein überliefertes Glaubensgebäude wegen Einsturzgefahr verlassen werden muss. Vielen von uns ist es so ergangen, als der große Tsunami Weihnachten im Jahr 2004 die Küste Thailands und Indonesiens verwüstete. Da sahen wir Bilder, die wir vorher noch nie gesehen hatten. Viele sagten, wie kann Gott das zulassen? Bekannte Theologen haben damals versucht, ihr Bild vom lieben Gott, der alles zum Guten führt, mit kleinlauten Argumenten zu retten. Ärmlich war das und vergebens. Erdbeben wie auch diese Flutwellen gehören zur Schöpfung. Erst als das deutlich wurde, da ließ sich auch wieder von Gott sprechen. Etwa so, dass Gott uns die Liebe ins Herz gelegt hat, nicht damit er der „liebe Gott“ ist, sondern darum, dass wir seine liebende Menschen sind, die ihr Mitgefühl einbringen für jene, die in Not geraten sind.
Immer geht es darum, sein Gottesbild zu weiten. Gibt es etwas, was wir in unserem Leben zu verarbeiten haben, dann geht es auch darum, dieses Erlebte mit seinem Glauben zu verbinden. Das zu enge Bild der Unverfügbarkeit Gottes, verlangt dann von uns, ein weiteres, größeres Bild zu entwerfen. Mache ich es wie Kohelet? Stecke ich den Kopf in den Sand? Geh ich auf intellektuelle Distanz und halte mich existentiell an Hiob, der durchhält? Oder halte ich mich an den Beter des 73. Psalms und finde den Schuldigen bei allen anderen, nur nicht bei dir selbst?
Wir haben heute die Plakate der Konfirmandinnen und Konfirmanden bei uns in der Kirche, die ihre Zukunftsthemen darstellen angesichts der Welt, die wir ihnen als die Erwachsenen gerade übergeben. Unter jedem Plakat finden wir Bibelworte, die auf erstaunliche Weise ganz anders mit uns reden, als wir es bis jetzt gehört haben. Da haben die Jugendlichen beispielsweise diese Worte gefunden:

  • Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken. Oder auch:
  • Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten. Auch das könnte unser Wort werden:
  • Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Das alles sind Ermutigungen, um sich auf seine Kompetenzen zu konzentrieren. Gott finden wir in dem, was wir können und was uns möglich ist. Da geht es um Zuspruch, statt darum, den Kopf in den Sand zu stecken. Diese Worte der Bibel zeigen auf, woher wir Kraft bekommen. Etwa auch Jesaja 41:

  • Schau nicht ängstlich nach Hilfe aus, denn ich, dein Gott, ich stehe dir bei! Hab keine Angst, denn Ich mache dich stark und ich helfe dir!


Schauen Sie einmal, was die Konfirmandinnen und Konfirmanden an Beziehungen entdeckt haben zwischen den Mut machenden Worten der Bibel und ihrem Blick auf die Zukunft. Glaube gibt Halt und Kraft. Er lässt uns gelassen bleiben, das Leben lieben und auch die Welt lieben, in der wir leben. Denn was wir lieben, dafür treten wir ein.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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