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Pfarrer Andreas Volke: Predigt am 21. Januar 2018

Science oder fiction?

© S. Hofschlaeger  / pixelio.de

© S. Hofschlaeger / pixelio.de

Science oder fiction?
Pfarrer
Andreas Volke
21. Januar 2018
Essen-Rellinghausen


Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Ge-meinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
Ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; Und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.


Liebe Gemeinde,
das ist der Einstieg in ein Buch der Bibel, an das wir uns selten herantrauen. Unglaubliche Vorgänge werden da geschildert. Grausame Bilder tauchen auf. Wie in einem Alptraum kommen apokalyptische Reiter angesprengt. Posaunen werden geblasen und schicksalsgefüllte Schalen über der Menschheit ausgegossen. So etwas legt man sich nicht abends auf den Nachttisch. Es mündet in den Kampf des Drachen mit den sieben Köpfen gegen das unschuldig zarte Kind. Ein Kampf, den dieser Drache wild schnaubend verliert. Denn das zarte Kind ist nicht zart sondern in gleicher Weise ist es diese Gestalt mit dem zweischneidigen Schwert, das die Schlüssel des Himmels wie der Hölle in seinen Händen hält.


Geheimnisvolle Zahlen und Andeutungen reizen immer wieder, den genauen Zeitpunkt zu ergründen, wann das alles geschehen wird. Wer im Internet blättert findet die Endzeitforscher der Gegenwart, etwa unter www.endzeit-aktuell. de. Es hat sie aber zu allen Zeiten gegeben, die in das vorgezeichnete Schicksalspuzzle – ähnlich wie andere es mit den Worten eines Nostradamus tun - markante Ereignisse der Gegenwart einsetzen, bis sich herausstellt, dass wir alle nah am Untergang der Welt stehen. Für Christen ist es die Stunde der Wiederkunft Jesu. Darum werden uns in der Regel von interessierter Seite ganze Bündel an Hinweisen mitgeben, um auf das Er-scheinen des Herrn vorbereitet zu sein.


Sie wissen, dass ich von alledem wenig halte. Aufgewachsen bin ich in einer freikirchlichen Bibelschule, wo diese Gedanken zum Alltag gehörten wie das tägliche Brot. Alle diese Untergangsszenarien sind mir von Kindheit an bekannt. Eingetroffen ist nichts davon. So bin ich zu der Auffassung gelangt, dass ein Glaube, der sich aus Ängsten speist, nicht zur Freiheit führt. Ängste verlangen nach Sicherheit. Zusagen auf Rettung tragen zumeist eine Abgrenzung in sich zu denen, die verlorengehen. Ich brauche so etwas nicht. Glaube, der vertraut, weckt hingegen Kraft, Hingabe und Gelassenheit, auch im Wissen über das, was wir nicht wissen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf dieser Seite stehen.


Denen, die uns die Endzeit prophezeien, werden wir jedoch nicht bestreiten können, dass ihnen die Bibel dafür Anhaltspunkte bietet. Es gibt all diese sogenannten apokalyptischen Texte in ihr. Schon im Alten Testament finden wir sie. Allerdings - und das ist meine evangelische Sichtweise geworden - auch hier gilt: Zu jeder zentralen biblischen Aussage lässt sich aus der Bibel mindestens eine weitere, zweite und dritte abweichende Aussage finden, so dass es bei uns liegt, die Dinge zu ergründen und danach zu fragen, was hält und was trägt und was uns im Glauben, im Leben wie im Sterben, voranbringt.


Das Buch der Offenbarung gehört meiner Auffassung nach in die Tradition einer literarischen Kunstform, die es auch heute gibt, etwa, wenn im Kino „Star Wars“ gezeigt wird. Diese Gattung der Literatur, die nicht nur in Filmen, sondern auch in Büchern und Viedeospielen auftaucht, ist unter dem Oberbegriff „science fiction“ zu fassen. Science fiction als Gattung der Literatur ist völlig gleichgestellt zu Romanen zu betrachten, zu Poesie und wissenschaftlichen Essays. Man bedient sich nur anderer Ausdrucksmittel. Inhaltlich geht es dabei immer wieder um den großen Kampf des Guten gegen das Böse. Und dieser Kampf verläuft so, dass für eine bestimmte Zeit die Guten allen nur erdenklichen Bedrohungen und Nöten ausgesetzt sind. Schließlich aber werden sie gerettet. Ihre Nöte werden von ihnen genommen. Ihre Ängste verwandeln sich in Tränen der Freu-de. Auf den Kampf folgen der neue Himmel und die neue Erde. Zumeist ist es eine zentrale Gestalt, die diesen Kampf auf sich nimmt und wagemutig alle anderen aus der Gefahr befreit. Am Ende steht der Sieg.


Dieser Christ, der sich mit dem Namen Johannes vorstellt, ist offensichtlich ein überregional tätiger Gemeindeleiter, ein Kollege gewissermaßen, den man auf die Insel Patmos verbannt hat. Dort gehen seine Gedanken am Sonntag zu denen, die mit ihm in Bedrängnis sind. Er weiß, dass seine Mitchristen in den sieben Gemeinden jetzt heimlich irgendwo zusammenkommen, um ihre Gottesdienste zu feiern. Ihnen sendet er die Botschaft vom Sieg. Ihnen will er Mut machen, dass sie durchhalten sollen, weil sie auf der Seite des Siegers stehen. Aber er sendet es ihnen verschlüsselt. Er wählt die Ausdrucksmittel einer Apokalypse und gestaltet seine Botschaft so dass keine Zensur, von welchem römischen Beamten auch immer, in der Lage ist, den Code zu knacken und den Kern der Botschaft zu entdecken.


Johannes sieht alle diese großen Bilder vor seinen Augen vorüberziehen. Da ist der Kampf des Drachen gegen das Kind. Da erscheint der Erzengel Michael mit der Lanze, der den Drachen zu töten versteht. Da sieht er den Untergang der „Hure Babylon“. Bis dahin, dass er selbst den neuen Himmel und die neue Erde schauen darf.


Es ist die Zeit um das Jahr 90 nach Christus, wo Kaiser Domitian als zweiter römischer Kaiser auf die zunehmende Bedeutung der Christen reagiert und ein Dekret gegen sie erlässt, das in einzelnen Fällen zu Verfolgungen führt. Von Kaiser Nero ist bekannt, dass er den Brand Roms auf die Christen zu lenken suchte, so dass um das Jahr 60 der Apostel Paulus wie auch Petrus in Rom ihr Leben verloren. Domitian zieht neben zahlreichen Kämpfen an den Grenzen des Reiches -auch entlang des Limes gegen die Germanen- eine ähnlich blutige Spur nach sich. Vor allem sind es Intrigen mit Todesfolge bis in die engste Verwandtschaft hinein, die seine sechzehnjährige Herrschaft kennzeichnen. Allgemein wird dem Kaiser verübelt, dass er den Senat zu entmachten sucht und sich seiner Herrschaft wo er nur kann provokant entzieht. Dass er die Christen besonders gehasst hätte, ist nicht belegt. Dennoch steht er in der nachfolgenden Geschichtsschreibung bei allen christlichen Autoren verachtet da. Er ist der zweite Nero.


Insgesamt kommt es in dieser Zeit zu immer neuen Berührungspunkten des frühen Christentums mit dem römischen Reich. Längst sind Persönlichkeiten, die öffentliche Verantwortung tragen, Christen geworden. Christen aber sehen das Reich, das den Kreuzestod Jesus zu verantworten hat, dem Untergang geweiht. Der Kaiser gilt als der Drache mit den sieben Köpfen und die „Hure Babylon“ das ist die Hauptstadt selbst, das mächtige Rom in seiner „spätrömischen Dekadenz“, wie sie ein Politiker unserer Tage einmal für die Bundesrepublik Deutschland reklamiert hat. So betrachtet, ist das letzte Buch der Bibel eine höchst brisante politische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit. Und es ist eine Kampfansage, die allen, die seine geheimen Bilder zu entschlüsseln verstehen, eine klare Botschaft zukommen lässt: Ihr werdet die Sieger sein! Wer getreu bleibt, bis in den Tod, der wird die Krone des Lebens ererben, der hat Anteil an der Herrlichkeit Gottes am Ende der Tage.
So verstanden finden wir nicht unsere Zukunft darin benannt, auch wenn dies manche bedauern werden. Was wir vor uns haben, ist ein Einblick in das, was denen Hoffnung und Zukunft gab, die am Anfang des Glaubens standen, insbesondere dort in den Gemeinden rund um Ephesus, die einst durch den Apostel Paulus geprägt und ins Leben gerufen wurden.


Wir wechseln den Schauplatz. Dies ist eine der schönen, weißen Dorfkirchen im Oberbergischen Kreis. Als Kind habe ich mit meinen Geschwistern rund um diese Kirche meine Abenteuer bestanden und besonders den steilen Kirchberg geliebt, der uns im Winter mit dem Schlitten, wie im Sommer mit der Seifenkiste große Dienste erwiesen hat. Wegen ihrer gut erhaltenen mittelalterlichen Ausmalungen werden diese Kirchen - es gibt etwa 5 oder 6 davon - „Bonte Kerk“ genannt. Ein Ausflug ins Oberbergische, insbesondere auch nach Lieberhausen, lohnt allemal.


In Wiedenest wurde die Kirche so restauriert, dass moderne Fenster und auch eine neu gestaltete Eingangstür mit den noch vorhandenen mittelalterlichen Fassaden in Kontrast treten. So kam es dazu, dass auch die Eingangstür nach Motiven der Offenbarung des Johannes neu gestaltet wurde. Mitten aus dem gusseisernen Tor fliegen einem nun die apokalyptischen Reiter entgegen, der eine mit dem Schwert, der andere mit der Waage, der dritte mit dem Bogen und der vierte als todbringendes Skelett. Wir Kinder haben oft davor gestanden und diese angsteinflößenden Reiter mit Ehrfurcht betrachtet. Mein Kopf reichte jedoch nur bis zu diesen hin. Erst als Erwachsener habe in den letzten Jahren die Gesamtkonzeption dieser Eingangstür erkennen können.


Sie zeigt eine schemenhaft angedeutete Christusfigur, die all das Grausame und all die Ängste, die sich mit diesen Reitern verbinden, mit seinen Armen umfängt. Er selbst trägt das Lamm, das Symbol der Rettung der Welt auf seiner Stirn und das gesamte Geschehen der menschlichen Geschichte ruht auf seinen Füßen.


So geht es uns oftmals im Leben: Um die großen Zusammenhänge zu erfassen, müssen wir erst einmal zurücktreten. Erst aus dem Abstand heraus lässt sich manches erkennen. Hin und wieder bedarf es auch der gesammelten Lebenserfahrung und der darin geborgenen Herausforderungen, wo es darum ging, zu wachsen. Dann lässt sich die große Tragweite des Glaubens erfassen, wie sie in dieser Christusfigur an der Wie-denester Kirchentür gezeigt wird.


Als Johannes in seiner visionären Schau am Sonntagmorgen der Christusgestalt gewahr wird, reißt es ihn zu Boden und es macht ihn bis ins Tiefste seines Inneren erschrocken. Gerade dort, am Boden liegend, aber hört er Christus, der zu ihm spricht:
Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle in meiner Hand.
Ihm gehören wir an.


Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen.

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