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Pfarrer Andreas Volke: Predigt am 14. Oktober 2018

Haben, als hätte man nicht?

© Stephanie Hofschlaeger /pixelio.de

© Stephanie Hofschlaeger /pixelio.de

Haben, als hätte man nicht?
Predigt
von Pfarrer Andreas Volke
am 14. Oktober 2018
Essen-Rellinghausen


Aus 1. Kor 7
Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen.


Liebe Gemeinde,
gefragt hatten sie den Apostel nach der Ehe, wo sie doch nun Christen geworden seien. Und als Antwort erhalten sie dies: „Haben, als hätte man nicht…“ Gleich ob in Alltagsproblemen, bei Traurigkeit und Freude, ob beim Immobilienkauf oder in der Ehe: „Haben als hätte man nicht!“ Wie soll das gehen?


Ich möchte mit Ihnen zuerst einen Blick auf das Weltverhältnis der ersten Christen werfen und dann erkunden, welche Relevanz dem Konzept des Apostel Paulus für moderne Menschen von heute beikommt.


Sprechen die ersten Christen von der Zukunft, dann blicken sie voraus auf die Wiederkunft Jesu. Einige, so schreibt der Apostel Paulus nach Thessaloniki, würden den Tod nicht sehen, ehe er als der Retter der Seinen erschienen sei. Was sie damit verbinden, hat wenig mit dieser Welt und ihren Problemen zu tun. Tief im jüdischen Glauben verankert findet sich das Bild einer neuen, einer viel besseren Welt. Es ist das Bild jener kommenden Welt, wo einzig Gott alles erfüllt. Glücklich, wer dabei sein darf. Jesus, den Auferstandenen, sehen sie als ihren Vermittler, der sie wegreißt von den Götzen, hin zum Glauben an den lebendigen Gott. Und sie erwarten ihn als ihren Retter, der sie in Kürze zu sich holen wird. (1. Thessalonicher 1,9) Bei ihren Treffen grüßen sie sich mit den Worten: „Der Herr kommt bald“.


Was eigentlich sollten sie –erlöst, befreit und den Kopf voller Endzeithoffnung- mit der verbleibenden Wartezeit anfangen, hier auf der Erde? Heiraten? Eine Familie gründen? Versicherungen abschließen und Vorsorge treffen? Geld auf die Bank schaffen? Häuser bauen und sich mit Kindern und Enkeln darin niederlassen?
„Haben, als hätte man nicht“… Das ist die Antwort des Apostels. Denn die Tage dieser Welt sind gezählt!

Einen schweren Knacks erfährt diese Haltung, als man in Jerusalem daran geht, Äcker und Häuser zu verkaufen, um von dem Erlös gemeinschaftlich zu leben. Davon berichtet uns der Evangelist Lukas in Apostelgeschichte 4. Man hat es später verklärt als den urchristlichen Kommunismus. Faktisch aber steht vor dem erwarteten Ende Welt zuerst einmal das Ende ihrer Ersparnisse. Als die Kasse geleert, Häuser und Grundstücke verkauft und die Gemeinde ohne Einkünfte dasteht, muss Paulus bei seinen Reisen in Kleinasien eine Kollekte einsammeln für die „Armen“ in Jerusalem. Sie standen zwar fest im Glauben, hatten aber ganz offensichtlich missverstanden, was es heißt: „Haben, als hätte man nicht“.


Später, so lesen wir im Neuen Testament, ruft die Frage nach dem Zeitpunkt der Wieder-kunft Jesu zunehmend Zweifel und Spannungen hervor. Der Hebräerbrief spricht dies alles offen an. Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der aufeinander achthaben und zur Liebe und guten Werken anspornen und nicht unsre Versammlung verlassen wie einige zu tun, wo ihr doch seht, dass sich der Tag naht. (Aus: Hebr. 10, 23-26) „Der Tag“, das Stichwort aller ihre Hoffnung, nun sollte er aber doch bald kommen. Der aber, auf dessen Erscheinen alle warteten, kam nicht.


Etwa zeitgleich wird der 1. Petrusbrief geschrieben. Und sein Autor stellt klar: Es ist nicht so, dass der Herr seine versprochene Wiederkehr hinauszögert, wie manche meinen. Nein, er wartet, weil er Geduld mit uns hat. Und ihr sollt wissen, liebe Freunde, ein Tag für den Herrn ist wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.
Nach dieser Zeitrechnung hat die Erde demnach erst zwei Tage erlebt. Eine absolut wichtige Klarstellung. Denn nun setzt eine Entwicklung ein, in der sich die erste Christenheit und das Christentum überhaupt schrittweise auf die Welt einzulassen beginnt. Man hält weiter an der Wiederkunft Jesu fest, aber gleichzeitig wird diese Erde wieder zum Lebensraum. Als das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion im römischen Reich wird, sind es Christen, die Verantwortung übernehmen in allen politischen und gesellschaftlichen Fragen, sei es über Krieg und Frieden, in Wirtschaft und Justiz, für Bildung und soziale Gerechtigkeit. Intensiver kann man sich auf die Welt nicht einlassen – im Schönen, wie in all ihren Widersprüchen und Problemen.


Nicht anders ist es heute bei uns. Die Frage nach der Wiederkunft Christi gehört zu unserem Glaubensbekenntnis. Wir haben es gerade auch wieder so gesprochen: „Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Und doch bleiben wir hinsichtlich des Zeit-punktes unaufgeregt und gelassen. Andererseits hat sich eine veränderte Bedeutung in den Vordergrund geschoben. Wenn wir etwa an einem Grab davon sprechen, dass wir die Ver-storbenen zu Gott geben und sie bei ihm aufgehoben wissen, dann verbinden wir es mit Jesus, dem Auferstandenen, der wiederkommen wird, um alle zu sich zu holen, dorthin, wo er jetzt auch ist. Es ist jener Ort, wo die Tränen getrocknet sein sollen, wo keine Quälerei und kein Geschrei mehr sein wird und wo der Tod überwunden ist. Nicht erst am Ende der Zeiten, sondern schon jetzt.
Dabei sehen wir, wie es zu den Kernaussagen unseres Glaubens zeitbedingte Schwer-punktsetzungen gibt, die nicht nur betonen und hervorheben, sondern anderes soweit zurückdrängen, bis dass ein grundsätzlicher Bedeutungswandel eintritt. Wichtig aber bleibt jede der Aussagen, wie sie im Bekenntnis aufgeführt sind. Es ist einfach eine Frage, wann wir sie neu hören und wann wir sie zu unserer Orientierung brauchen.
Heute sind es die Physiker, die uns Auskunft darüber geben, wann die Erde als Stern ver-gehen und wie ein glühender Feuerball in die Sonne stürzen wird. Nicht morgen, aber doch in einer berechenbaren Zeit. Erstaunlich, auch Jesus wusste bereits zu sagen, dass Himmel und Erde vergehen werden. Und er fährt fort: Meine Worte aber werden nicht vergehen. Worten wird hier eine Kraft beigemessen, die den Gesetzmäßigkeiten der Physik nicht nur entgegensteht, sondern über sie hinaus wirksam bleibt. Da entsteht eine ungeheure Kraft aus Glauben.


Denn dass die Zeit kurz ist, etwa um das Klima im Gleichgewicht zu halten und mit allen Le-bewesen unbeschadet auf dieser Erde existieren zu können, das sagen uns heute auch die Ökologen. Was sie empfehlen kommt den Gedanken der ersten Christen nahe: „Haben, als hätte man nicht…“ Sie legen uns deren Lebensstil nahe, inne zu halten, die Dinge zu hinter-fragen, nicht zu Verbrauchende zu sein, sondern Wege zu gehen, die das erhalten, was allen lebensnotwenig ist.


Im Gottesdienst am vergangenen Freitag kam eine liebe Person nach dieser Predigt zu mir und sagte: Mit zunehmendem Alter ginge das immer besser mit dem Haben, als hätte man nicht. Man sähe die Dinge doch mit anderen Augen, nicht nur was man noch brauche, son-dern auch, dass man ja doch alles einmal verlassen müsse.


Und nun sehen wir bei uns die jungen Leute, Jugendlichen aus der Konfirmandengruppe, die Familien, unsere Enkelkinder, die auf die Zukunft schauen und länger noch auf der Erde leben sollen, als wir Älteren. Wir wünschen ihnen Frieden, auch im Inneren der Gesellschaft im Blick auf die nach Norden drängenden Völkern und Kulturen. Wir wünschen ihnen be-wahrt zu sein, beschützt, und lebensfroh. Wir beten dafür bei jeder Taufe in dieser Kirche, dass sie einmal dankbar auf alles zurückschauen werden, was sie im Leben erfahren dürfen. Nur, was wird das zukünftig für sie sein??


Die großen Stichworte begleiten mich seit meiner Studentenzeit: „Global 2000“, die be-grenzten Ressourcen, die Berichte des „Club of Rome“, das Dilemma mit der Atomkraft. Ihnen wird es ähnlich gehen. Als Student bin ich demonstrieren gegangen, getragen vom Impetus: Da sind ja die Älteren, die Entscheider in Politik und Wirtschaft, denen müssen wir Signale setzen, denn sie haben die Mittel in der Hand zur maßgeblichen Veränderung der Gesellschaft. Das ist vielleicht auch heute noch so, nur, längst bin ich selbst und die meisten von Ihnen an deren Stelle getreten. Was nun? Eben einmal für sich die Welt retten? Ich muss gestehen, da ist meine Bilanz mau, es ist zu wenig bei herausgekommen.


Als Kirche und als Gemeinde aber sind wir stärker. Sollten wir nicht weit mehr Gruppen und Familien unterstützen, die alternativen Modellen folgen. Politik aber braucht auch heute un-sere kirchliche Mitsprache mit Ermutigung und Signalen, nach denen sie sich richten kann. Und auch da zählt: Haben, als hätte man nicht.

Die ersten Christen hatten im Zentrum ihres Glaubens diese ganz emotionale, erwartungs-volle Hingabe an den wiederkommenden Christus. Das bestimmte ihr Verhältnis zu Welt Was steht bei uns heute an dieser Stelle?


Ich denke, dass es da tragende biblische Worte gibt: Glaube Hoffnung, Liebe etwa. Diese drei Begriffe aus 1. Kor 13, für manche stehen sie im Zentrums ihres Glaubens. Wer danach lebt, wird das Materielle zurückzustellen und auf Kräfte setzen, die stets dahin drängen, sein Handeln darauf auszurichten „zu haben, als hätte man nicht.
Römer 1,16 ist auch ein solches Wort, wo es heißt: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die rettet. Das kann sich auf die jenseitige Welt beziehen, dieser Rettungsgedanke, er kann aber auch bedeuten, hier und jetzt Kraft zu erfahren, die rettet. Wieder lässt sich daraus ein Lebenskonzept ableiten, das dazu führt „zu haben, als hätte man nicht“.


Oder auch das Wort, das wir vorhin gehört haben: Niemand hat Gott je gesehen, aber wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.


Wieder geht es um die Teilhabe an der jenseitigen Welt um in gleicher Weise Kraft daraus in unser diesseitiges Leben zu ziehen. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott! Nicht erst „dann“, nicht nach der noch immer möglichen Wiederkunft, sondern jetzt. All diese Worte der Bibel leiten dazu an, dass wir mitfühlend leben, empfindsam und aufmerksam, für das, was uns mit den anderen verbindet: Den Menschen, wie auch mit Tieren, Feldern, Wäldern und der uns umgebenden Luft, alles, was uns Heimat gibt auf diesem schönen Stern. Dann mag man mit den Weinenden weinen, mit den Fröhlichen fröhlich sein, mit den Hoffenden hoffen und so anhalten am Gebet.
Und der Friede Gottes, der höher ist, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen.

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