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Guten Morgen, heute ist der 17. 11. 2019
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Pfarrer Dr. Gotthard Oblau Predigt am 28. Juli 2019 „Noch vierzig Tage – dann ist Ninive zerstört.“ Und dann das Wunder!

Dritte Predigt über das Buch Jona

© Dieter Schütz /pixelio.de

© Dieter Schütz /pixelio.de

„Noch vierzig Tage – dann ist Ninive zerstört.“

Und dann das Wunder!

Dritte von drei Predigten über das Buch Jona

 am 28. Juli 2019 (Sechster Sonntag nach Trinitatis)

in der Evangelischen Kirche Essen-Rellinghausen

Pfarrer Dr. Gotthard Oblau

Predigtreihe Jona gesamt.pdf

 Liebe Gemeinde,

heute also: Jona zum Dritten. Sie erinnern sich: Der Prophet Jona wollte vor Gottes Auftrag weglaufen, aber Gott hat seine Flucht vereitelt. Die Schiffsreise auf dem Mittelmeer war nur ein Intermezzo. Nach Seenot, Sturmstillung und Rettung ist Jona wieder auf dem Trockenen. Und dann lesen wir in Kapitel drei:

Und das Wort des HERRN erging zum zweiten Mal an Jona: Mach dich auf, geh nach Ninive, in die große Stadt, und rufe ihr die Botschaft zu, die ich dir sage. Gott ist hartnäckig. Was der sich vorgenommen hat, das bringt er auch zum Ziel.

Gott wiederholt an Jona den Auftrag vom Anfang. Da hieß es, fast wortgleich: Und das Wort des HERRN erging an Jona: Mach dich auf, geh nach Ninive, in die große Stadt, und rufe gegen sie aus, denn ihre Bosheit ist vor mir aufgestiegen.

Die Erzählung erklärt nicht, worin diese Bosheit eigentlich bestand. Das war auch gar nicht nötig. Die kannte jeder damals in Israel, die war sprichwörtlich. Ninive war ja die Hauptstadt des Großreichs Assyrien, und mit dem hatte man in Israel seine Erfahrungen gemacht.   

Die Bosheit Ninives kann man sogar heute noch besichtigen. Haben Sie’s mal getan? Sie müssen nur nach London fahren und ins Britische Museum gehen. Wenn Sie den Haupteingang von der Great Russell Street aus nehmen, dann gleich vorne links im Erdgeschoss, da ist die Assyrien-Abteilung.  

Da gibt es einen kleinen Raum, dessen Wände mit einem Alabaster-Relief bedeckt sind, zweieinhalb Meter hoch und 19 Meter lang. Das Relief erzählt eine Geschichte, nämlich wie die Armee des Assyrer-Königs Sanherib die Stadt Lachisch erobert hat. In Judäa liegt die, ganz in der Nähe von Jerusalem. Das war eine Strafexpedition, weil Lachisch seine Tributzahlungen eingestellt hatte.

Man sieht schwer bewaffnete Soldaten. Mit Speeren, mit Pfeil und Bogen und Steinschleudern gehen sie gegen die Stadt vor. Nach der Eroberung werden Menschen und Vieh als Beute weggeführt. Männer, Frauen und Kinder: gefesselt, gequält, teilweise umgebracht, grausam im graphischen Detail. Und man sieht Sanherib auf seinem Thron, der sich das alles wohlgefällig anschaut.

 

Dieses Relief hat Sanherib für seinen Palast anfertigen lassen und damit seinen Empfangsraum geschmückt. Um sich mit seiner Macht zu brüsten, und um alle Diplomaten und Gesandtschaften zu warnen: „Seht wozu ich fähig bin! So wird es euch auch ergehen, wenn ihr frech werdet!“

 

Das ist die Bosheit Ninives. Die ist vor Gott aufgestiegen, so formuliert es die Jona-Erzählung. Wie ein übler Geruch Gott in die Nase gestiegen. Ninives Gewaltpolitik stinkt zum Himmel.

 

Wir lesen weiter: Und Jona machte sich auf, und dem Wort des HERRN gemäß (jetzt endlich gehorcht er!) ging er nach Ninive. Ninive aber war selbst für einen Gott eine große Stadt, man benötigte drei Tagesreisen, um sie zu durchqueren.

 

Tja, verglichen mit Ninive war Jerusalem ein Dorf und der davidische Königspalast ein Ziegenstall. Man hört hier zwischen den Zeilen so richtig, wie das Landvolk in Juda sich von der weiten Welt erzählt:

 

„Ich habe einen gekannt, der ist einem begegnet, der ist bis ins Zweistromland gereist. Was es da für Städte gibt, Wahnsinn! Ninive, da brauchst du drei Tage, um von einem Ende zum andern zu wandern. 60 Kilometer nur Stadt, wie von Unna bis Moers, eine einzige Metropole.

 

„Und Babylon hat der auch gesehen, mit eigenen Augen. Weißt du, was Ninive horizontal ist, das machen die Babylonier in der Vertikale. Schon mal vom Turm zu Babel gehört? Das ist ein Hochhaus, da reicht die Spitze bis an den Himmel! Wie die Petronas Towers in Kuala Lumpur, echt! Da werden sogar die Götter neidisch, sag ich dir.“

 

Aber zurück zu Jona: Und Jona begann die Stadt zu durchwandern, eine Tagesreise weit, und er rief und sprach: Noch vierzig Tage, dann ist Ninive zerstört!

 

Man muss sich das vor Augen malen: Da stellt sich der Jona an einer Kreuzung auf eine Kiste und schreit seine Botschaft raus, wie ein Doomsday-Prediger am Trafalgar Square, leicht irre: Noch vierzig Tage, dann ist Ninive zerstört! Punkt. Ende der Durchsage.

 

Nichts von Gott oder so. Steht da jedenfalls nicht. Keine Handzettel, kein Spendenaufruf, keine Einladung zur Großveranstaltung. Nur diese Drohung. Nicht mal ein Aufruf zur Buße. Kein Hinweis, wie die Katastrophe denn noch zu verhindern wäre. 

 

Großstädte konnten damals auf dreierlei Weise untergehen, die Bibel erzählt davon. Entweder, die Armee eines stärkeren Reiches rückt heran und hungert die Stadt aus, bis sie sich ergibt. Oder Feuer und Schwefel fallen vom Himmel, wie bei Sodom und Gomorrha. Oder eine Stadt zerfällt von innen, wie Babylon mit der Sprachverwirrung. Die Leute werden einander fremd, verstehen sich nicht mehr, die Gesellschaft verrottet.

 

Heute kennen wir mindestens noch zwei weitere Möglichkeiten. Eine Stadt wird zerstört von den Kräften des freien Marktes. Die blühende Textilstadt Wuppertal, verarmt seitdem es aus dem Ausland billigere Klamotten gibt. Von Kohle und Stahl brauche ich nicht zu reden. Das Wort vom Strukturwandel im Ruhrgebiet bemäntelt ja nur den Niedergang.

 

Zerstört werden eines Tages auch Städte wie Ulm, Sindelfingen und Wolfsburg. Ganze Regionen werden veröden. Denn schon bald wird die Menschheit keine Autos mehr wollen.

 

Grausamer noch als durch die Marktkräfte werden Städte durch Wassermangel zerstört werden. Lesen Sie die Berichte über Chennai, die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, wo gerade nach zwei schlappen Monsun-Perioden die Frischwasservorräte wegtrocknen. Oder Peking. Die Wissenschaftler warnen schon lange davor, dass die Zwölfmillionenstadt seine Grundwasservorräte leer säuft.

 

Noch vierzig Tage, dann ist Ninive zerstört. So irre ist die Predigt von Jona also gar nicht. Gerade weil er nicht von Gott spricht, nicht vom himmlischen Strafgericht oder vom Weltuntergang. Ganz nüchtern und säkular stellt er der Stadt die Prognose aus, so wie heute die Wissenschaftler mit uns reden. Mit angesagter Deadline: noch vierzig Tage.

 

Prince Charles spricht jetzt von 18 Monaten. Und beruft sich dabei auf Professor Schellnhuber, den ehemaligen Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Bis Ende 2020 müssen sanktionierbare Pläne und Verträge auf dem Tisch liegen, sonst wird es die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, in wenigen Jahrzehnten nicht mehr geben.  

 

Die Lage ist also ernst. Und an diesem Punkt, da passiert in der Jona-Erzählung das Wunder.

 

(Verstehen Sie: Ich spreche jetzt nicht vom großen Fisch. Der ist nicht das Wunder. Vergessen Sie den Walfisch! Die Bibel hat immer geglaubt, dass es tief im Ozean noch ganz unerforschte Tiere gibt, Meeresungeheuer zum Beispiel wie den Leviathan. Auch die hat Gott geschaffen, und über die kann er frei verfügen, auch für Jonas Rettung, das ist gebongt.)

 

Nein, das Wunder passiert in Ninive. Mit der Reaktion der Bevölkerung. Die Leute erschrecken, sind bis ins Mark getroffen. Und auf einmal setzen sie alles ein, um den bevorstehenden Untergang vielleicht doch noch abzuwenden, alle geistig-kulturellen Mittel, die sie haben. Und sie haben die Idee mit der Buße. Ohne dass Jona ihnen das eingeflüstert hätte. Sie kommen ganz von selbst auf Gott. Denn jetzt geht’s ums Ganze.

 

Ich lese: Da glaubten die Menschen von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und legten Trauergewänder an, Erwachsene und Kinder. Und das Wort gelangte zum König von Ninive, und er erhob sich von seinem Thron und legte seinen Mantel ab. Dann hüllte er sich in ein Trauergewand und setzte sich in den Staub. Und er ließ in Ninive ausrufen und sprach: Auf Befehl des Königs und seiner Regierungspräsidenten: Mensch und Tier, Rind und Schaf sollen nichts zu sich nehmen, nicht weiden und kein Wasser trinken. Und sie sollen sich in Trauergewänder hüllen – Mensch und Tier – und mit Inbrunst zu Gott rufen, und sie sollen sich abkehren, ein jeder von seinem bösen Weg und von der Gewalt an ihren Händen. Wer weiß: Der Gott könnte umkehren, es könnte ihm leidtun, und er könnte sich abkehren von seinem glühenden Zorn. Dann gehen wir nicht zugrunde.

 

Liebe Gemeinde, der König redet hier fast wortgleich wie der Kapitän auf dem Schiff. Erinnern Sie sich? Auch der sagte: Vielleicht erinnert der Gott sich unser und wir gehen nicht zugrunde. Ja: vielleicht hilft’s. Vielleicht gibt’s ja einen Gott. Und er lässt sich erweichen.

 

Übrigens: der König meldet sich erst zu Wort, als die Bevölkerung schon angefangen hat mit Fasten und Trauerkleidung. Ein interessantes Detail! Ist Ihnen das aufgefallen? Die Bußbewegung hat schon Fahrt aufgenommen, die Zivilgesellschaft hat es schon kapiert. Erst da bewegt sich die Politik. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

 

Wobei ich den König verstehen kann. Sein Aufruf ist riskant. Es geht ja nicht um einen Karneval, nicht nur um die Änderung der Kleiderordnung für die nächsten vierzig Tage. Sie sollen sich abkehren, ein jeder von seinem bösen Weg und von der Gewalt an ihren Händen. Das ist nichts anderes als eine Kehrtwende in Politik und Wirtschaft!

 

Ninive wird aufhören mit seiner Kolonialpolitik. Tributzahlungen werden ausbleiben. Vielleicht wird das Großreich zerfallen. So ein bisschen erinnert mich dieser König an Michail Gorbatschow.

 

Und das Volk wird verzichten müssen, seinen Lebensstil einschränken. Wie soll es denn anders gehen?  Den Zwangsarbeitern und Gefangenen wird man die Freiheit geben müssen! Die reisen dann doch ab, gehen zurück in ihre Heimatländer. Oder sie bleiben, fordern aber höhere Löhne. Alles wird teurer werden.

 

Umkehren ist nicht leicht. Und es bleibt immer die Gefahr des Populismus, auch in der Monarchie. Es kann einen Putsch von rechts geben.

 

Aber wer weiß, vielleicht gibt’s ja einen Gott, und er wird Freude haben an Ninives Umkehr, und die Stadt segnen, und Segen wird sich ausbreiten über die ganze Welt.

 

So jedenfalls erzählt es das Jonabuch: Und Gott sah, was sie taten, dass sie zurückgekehrt waren von ihrem bösen Weg. Und Gott tat das Unheil leid, das über sie zu bringen er angekündigt hatte, und er führte es nicht aus.

 

Und am Ende sagt Gott es selber zu Jona: Wie sollte es mir nicht leidtun um Ninive, die große Stadt, in der über hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht zwischen rechts und links unterscheiden können, und dazu noch das viele Vieh?

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

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