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Guten Morgen, heute ist der 16. 01. 2018
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Auf den Kopf gestellt

© Paul Georg Meister / pixelio.de
© Paul Georg Meister / pixelio.de

Besuchen wird uns das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.


Lukas-Evangelium Kapitel 1, Vers 78/79 – Monatsspruch Dezember


Ich habe ein Problem mit der Bibel. Obwohl ich Pfarrer bin. Oder vielleicht gerade deswegen. Klar, ich lese die Bibel, unterrichte sie sogar. Aber ich bin nun einmal kein hebräischer Sklave, der in Ägypten Akkordarbeit leisten muss. Ich bin kein Judäer, der nach verlorenem Krieg nach Babylon deportiert wird. Ich bin kein Jude des ersten Jahrhunderts, der unter römischer Besatzung lebt.

Aus der Erfahrungswelt dieser Leute heraus ist die Bibel geschrieben. Aber das ist nicht meine Welt. Ich bin männlich, weiß, Akademiker und Staatsbürger einer der führenden Wirtschaftsnationen. Müsste ich mich in die Welt der Bibel einsortieren, wäre ich ein Beamter am Hof des Pharao, ein Geschichtsschreiber im Auftrag des babylonischen Großkönigs oder ein Schriftgelehrter am Tempel in Jerusalem, also nah am Zentrum der Macht und weit oben auf der sozialen Leiter.

Aber ich möchte die Bibel lesen und erwarte, dass sie zu mir spricht. Das ist ein Problem.

Jede Erzählung hat einen sozialen Standpunkt, von dem aus sie erzählt wird. Meist stammt Geschichtsschreibung aus der Feder der Sieger.
Das Erstaunliche an der Bibel ist aber: Sie erzählt aus der Perspektive der kleinen Leute, der Armen, der unter die Räder Gekommenen, derer, die nur mit Mühe überlebt
haben und wie durch ein Wunder gerettet wurden. Die Geschichte von Ägypten, erzählt aus der Sicht der Sklaven; die Geschichte Babylons aus der Perspektive der Verschleppten; das Imperium des Kaisers Augustus aus den Augen der Hirten von Bethlehem.

Stellen Sie sich vor, die Geschichte Amerikas wäre aus der Perspektive der Cherokee-Indianer geschrieben oder die Geschichte Deutschlands von Auschwitz-Überlebenden!
So ist die Bibel.

Sie hält die Hoffnung wach, die Advents-Hoffnung, dass die Sonne aufgeht für die, die im Schatten des Todes leben. Dass da noch etwas kommt, das alles auf den Kopf stellt. Dass es nicht mehr heißt: America first, sondern: Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten.

Da bleibt mir nur eins: Ich muss die Bibel lesen, als würde ich auf dem Kopf stehen. Die Bibel macht mich bescheiden, sie relativiert meinen sozialen Standpunkt. Sie lädt
mich ein, mich zu Weihnachten hintenanzustellen – in die lange Schlange derer, denen das Licht ins Dunkel scheint. Hinter die Hirten von Bethlehem, hinter die Vertriebenen und zu Unrecht Eingesperrten, hinter die, die immer noch um Arbeit anstehen.

Ein gesegnetes Weihnachtsfest wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Gotthard Oblau